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Warum gibt es in Deutschland eigentlich keine Polikliniken mehr?

20. März 2017 um 1:38

Dieses, einst auch in der DDR funktionierende Modell, welches heutzutage in vielen Laendern (u.a. Kanada, Brasilien, UK, Chile etc.) erfolgreich eingesetzt wird, ist aus Deutschland voellig verschwunden.
Seitdem gibt es integrale Gesundheitssorge und -vorsorge kaum noch. Man geht hier zu einem Psychologen, dort zu einem Arzt, der Physiotherapeut ist wieder woanders. Und sollten sie wirklich alle zusammen in einem Aerztehaus sitzen, dann arbeiten sie nicht als Team, sondern jeder fuer sich. Ein absoluter Nachteil fuer den Patienten, der nur noch stueckweise und nicht mehr einheitlich, holistisch behandelt wird.

Sicher werden sich manche Ossis noch an die rappelvollen Polikliniken mit Grausen erinnern - aber es geht auch anders

Was meint ihr dazu? Was sind eure Erfahrungen mit dem derzeitigen Gesundheitssystem. Was koennte man verbessern?

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20. März 2017 um 13:52

Das ist ja eben der Punkt. Alles ist auf das medizinische und die Aerzte fokussiert.

Krankheiten sind aber multidimensional. Biopsychosozial.

In hiesigen Polikliniken sind deshalb nicht nur Aerzte und Karnkenschwestern taetig, sondern Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter. Die Apotheke ist auch integriert.

Wird zum beispiel bei einer der regelmaessigen Kindergesundheitskontrollen bei der Mutter/Vater festgestellt, dass sie mit der Kindererziehung ueberfordert sind, bekommen sie Unterstuetzung in Form von Einzel-oder Gruppenberatung. So werden eventuellen eventuellen weiteren Familienproblemen oder psychischen Stoerungen des Kindes vorgebeugt.

Werden soziale Probleme festgestellt, ist gleich der Sozialarbeiter bei der Hand. Haesliche Gewalt wird zum Beispiel haeufig bein einer Routineuntersuchung oder einem Beratungsgespraech ueber allgemeine Gesundheitsvorsorge festgestellt und die betreffende Person kann sofort fachliche Beratungshilfe in Anspruch nehmen. 

Es gibt viele Aerzte mit des Spezialisierung "Familienmedizin" - ich weiss gar nicht, ob es das in Deutschland gibt. Der Patient wird nicht nur als Individuum behandelt, sondern als Person, welche in einer Familie, in einer Kommune und Gesellschaft integriert ist und demzufolge wird auch nicht nur gefragt: Was tut Ihnen denn weh?

Prinzipiell wird auch immer mit der ganzen Familie gearbeitet, nicht nur mit einer Person, ganz wichtig bei Behandlung von Suchterkrankungen. Meist wird damit eben gerade ein teurer Klinikaufenthalt vermieden.

Desweiteren wird viel in der Kommune gearbeitet. An Schulen, Kindergaerten, in Organisationen so dass die Praeventivarbeit nicht erst im Erwachsenenalter beginnt. 

Es wird viel Wert auf Praevention gelegt, mehr, als auf Behandlung.

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20. März 2017 um 14:40

Ps zu den Kosten.

Durch die integration der "mentalen Gesundheit" (mental healthcare), werden viele Behandlungen, teure Untersuchungen und sogar OPs eben gerade vermieden, da Menschen mit psychischen Problemen (welche sich haeufig in koerperlichen Beschwerden aeussern) viel oefter den Arzt aufsuchen (und somit mehr Kosten verursachen) - aber ihr eigentliches Leiden unbeachtet bleibt.

Ist auch nicht verwunderlich, gerade in Deutschland sehen laut einer Studie von Wittchen et.al "German doctors usually have 70 or more daily patient contacts". Wo da Zeit bleiben soll, noch die psychische Befindlichkeit abzuchecken, kann sich jeder an 5 Fingern abzaehlen.

link zur Studie: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC3181625/

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20. März 2017 um 15:29
In Antwort auf suahelischnurrbarthaar

Das ist ja eben der Punkt. Alles ist auf das medizinische und die Aerzte fokussiert.

Krankheiten sind aber multidimensional. Biopsychosozial.

In hiesigen Polikliniken sind deshalb nicht nur Aerzte und Karnkenschwestern taetig, sondern Psychologen, Physiotherapeuten, Sozialarbeiter. Die Apotheke ist auch integriert.

Wird zum beispiel bei einer der regelmaessigen Kindergesundheitskontrollen bei der Mutter/Vater festgestellt, dass sie mit der Kindererziehung ueberfordert sind, bekommen sie Unterstuetzung in Form von Einzel-oder Gruppenberatung. So werden eventuellen eventuellen weiteren Familienproblemen oder psychischen Stoerungen des Kindes vorgebeugt.

Werden soziale Probleme festgestellt, ist gleich der Sozialarbeiter bei der Hand. Haesliche Gewalt wird zum Beispiel haeufig bein einer Routineuntersuchung oder einem Beratungsgespraech ueber allgemeine Gesundheitsvorsorge festgestellt und die betreffende Person kann sofort fachliche Beratungshilfe in Anspruch nehmen. 

Es gibt viele Aerzte mit des Spezialisierung "Familienmedizin" - ich weiss gar nicht, ob es das in Deutschland gibt. Der Patient wird nicht nur als Individuum behandelt, sondern als Person, welche in einer Familie, in einer Kommune und Gesellschaft integriert ist und demzufolge wird auch nicht nur gefragt: Was tut Ihnen denn weh?

Prinzipiell wird auch immer mit der ganzen Familie gearbeitet, nicht nur mit einer Person, ganz wichtig bei Behandlung von Suchterkrankungen. Meist wird damit eben gerade ein teurer Klinikaufenthalt vermieden.

Desweiteren wird viel in der Kommune gearbeitet. An Schulen, Kindergaerten, in Organisationen so dass die Praeventivarbeit nicht erst im Erwachsenenalter beginnt. 

Es wird viel Wert auf Praevention gelegt, mehr, als auf Behandlung.

von welchem Traumland ist hier die Rede ?

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20. März 2017 um 20:53
In Antwort auf canisigneus

von welchem Traumland ist hier die Rede ?

Vielleicht wirst du dich wundern, aber ich arbeite in einem suedamerikanischen Land. Ich will nicht sagen, dass alles perfekt ist. Es fehlt an Personal, finanziellen Mitteln und vielem andern. Aber das, was ich hier geschrieben habe sind die ministerialen Richtlinien nach denen die Primaerversorgung zu funktionieren hat.

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20. März 2017 um 21:07

Lass mich mal raten. dann ist es wahrscheinlich auch so, dass man dort als Patient zwingend in die jeweils zuständige Poliklinik gehen muss?

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20. März 2017 um 23:16

Es gibt in jedem Bezirk eine Poliklinik.
Du kannst dir aber aussuchen, in welche du gehen willst. Der einzige Nachteil für dich, wenn du nicht zur Poliklinik deines Bezirks gehörst ist, dass du keinRecht auf Hausbesuche hast.
da die meisten leute hier eher nicht so gut verdienen, sind ca 80% der leute in den staatlichen polikliniken und nur ca 20% im Privatsystem

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21. März 2017 um 15:18

Interessant. Erzähl doch mal einbisschen deine Erfahrungen. 

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21. März 2017 um 15:25

Ist also alles super, so wie es ist? Kannst du dir irgendwelche Verbesserungen vorstellen?

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21. März 2017 um 21:51
In Antwort auf suahelischnurrbarthaar

Dieses, einst auch in der DDR funktionierende Modell, welches heutzutage in vielen Laendern (u.a. Kanada, Brasilien, UK, Chile etc.) erfolgreich eingesetzt wird, ist aus Deutschland voellig verschwunden.
Seitdem gibt es integrale Gesundheitssorge und -vorsorge kaum noch. Man geht hier zu einem Psychologen, dort zu einem Arzt, der Physiotherapeut ist wieder woanders. Und sollten sie wirklich alle zusammen in einem Aerztehaus sitzen, dann arbeiten sie nicht als Team, sondern jeder fuer sich. Ein absoluter Nachteil fuer den Patienten, der nur noch stueckweise und nicht mehr einheitlich, holistisch behandelt wird.

Sicher werden sich manche Ossis noch an die rappelvollen Polikliniken mit Grausen erinnern - aber es geht auch anders

Was meint ihr dazu? Was sind eure Erfahrungen mit dem derzeitigen Gesundheitssystem. Was koennte man verbessern?

Der Trend geht ja schon in die Richtung, sehe es immer mehr, dass Ärztehäuser und Gemeinschaftspraxen existieren, aus wirtschaftlichen Gründen...., liegt auf der Hand.
Ich finde das System der Abrechnungen unheimlich kompliziert.

Im Gesundheitssystem fließt unheimlich viel Geld, Deutschland operiert unheimlich oft und schnell. Es wird die Behandlung empfohlen, die am meisten Geld bringt. Teilweise werden Menschen behandelt, bei denen eine Behandlung wenig Sinn hat. Weil die Kasse zahlt. Und anderswo fehlt das Geld dann wieder. Ärzte geizen oft bei Verordnungen, weil ihre Budgets begrenzt sind und sie für eine negative Bilanz selbst aufkommen müssen, wenn sie die höheren Ausgaben nicht rechtfertigen können.

Das Gesundheitssystem ist von der Grundidee gut. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Gesundheitsversorgung nur dann optimal sein kann, wenn der Arzt ohne Angst vor finanziellen einbußen das verordnen kann, was er für richtig hält. Es ist alles unheimlich bürokratisch, wenn es um die Gesundheit der Leute geht. Ich bin gegen private Interessen im sozialen Bereich.

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22. März 2017 um 0:58
In Antwort auf jonas1989

Der Trend geht ja schon in die Richtung, sehe es immer mehr, dass Ärztehäuser und Gemeinschaftspraxen existieren, aus wirtschaftlichen Gründen...., liegt auf der Hand.
Ich finde das System der Abrechnungen unheimlich kompliziert.

Im Gesundheitssystem fließt unheimlich viel Geld, Deutschland operiert unheimlich oft und schnell. Es wird die Behandlung empfohlen, die am meisten Geld bringt. Teilweise werden Menschen behandelt, bei denen eine Behandlung wenig Sinn hat. Weil die Kasse zahlt. Und anderswo fehlt das Geld dann wieder. Ärzte geizen oft bei Verordnungen, weil ihre Budgets begrenzt sind und sie für eine negative Bilanz selbst aufkommen müssen, wenn sie die höheren Ausgaben nicht rechtfertigen können.

Das Gesundheitssystem ist von der Grundidee gut. Jedoch bin ich der Meinung, dass die Gesundheitsversorgung nur dann optimal sein kann, wenn der Arzt ohne Angst vor finanziellen einbußen das verordnen kann, was er für richtig hält. Es ist alles unheimlich bürokratisch, wenn es um die Gesundheit der Leute geht. Ich bin gegen private Interessen im sozialen Bereich.

Dein Beitrag war für mich sehr informativ, Jonas.

Ich dachte, im Gegenteil, dass die Kassen eher geizig wären, bei teuren oder unnötigen Behandlungen. 

Klar, dass es sehr von Nachteil ist, wenn ich als Arzt Einbußen hinnehmen müsste für Behandlungen die ich für indiziert halte.  Mir war das nicht klar, dass das so ist.

Hier gibt es das im privaten Bereich, dass viele unnötige, teure Untersuchungen oder OPs durchgeführt werden (besonders Kaiserschnitte - es scheint als ob fast keine Frau mehr normal gebären könnte).
Da gibt es viele finanzielle "Interessengemeinschaften". Die schanzen sich gegenseitig Patienten zu.

Da die öffentlichen Mittel begrenzt sind, werden hier im staatlichen System die schwersten Fälle priorisiert und bei nicht so dringenden Sachen kann man schon mal ein Jahr auf eine OP warten.

Ja. Es wãre gut, wenn im Sozialbereich keine Geldinteressen mitspielen würden.

Leider entpuppte sich ja das angeblich im alten China angewandte System, den Arzt nur solange zu bezahlen, wie der Patient gesund war - wurde er krank, stellte man die Zahlungen ein, bis er wieder gesund war, als eine Ente.

aber als idee ist es prima. Fast nicht zu überbieten. Niemals wäre jeder Arzt, Psychologe, Phydiotherspeut motivierter, seinen Patienten so schnell wie möglich zu heilen oder zu stabilisieren.

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10. April 2017 um 3:01

https://www.welt.de/wirtschaft/article124010016/Deutsches-Gesundheitswesen-ist-das-Geld-nicht-wert.html

Hier mal eine Kosten- Nutzen- Analyse. Ich glaube aus dem Jahr 2013.

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8. April 2017 um 13:02

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