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Orient und Okzident

22. Mai 2014 um 18:41

Johann Wolfgang Goethe drückte seine Vision eines friedlichen Neben- und Miteinanders des Ostens und Westens in folgende Worte:

Wer sich selbst und andre kennt
Wird auch hier erkennen:
Orient und Okzident
Sind nicht mehr zu trennen.

Sind sie es wirklich? Und, wenn Ja, warum gelang es allenfalls in glücklichen Zeiten, also im kairós der griechischen Klassik?

Was trennt eurer Meinung nach heute den Orient vom Okzident? Oder gibt es keine Trennung?

Bin gespannt auf eure Kommentare.

Astolf

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23. Mai 2014 um 16:56

Ich glaube,daß ein friedliches
Miteinander möglich wäre,trotz verschiedener Kulturen,wenn nicht gegen andere Kulturen gehetzt werden würde.
Es sind nicht mal die Normalbürger daran schuld,sondern meines Erachtens,sondern die Politiker in allen Ländern.
Ihre Motive sind einfach :
Macht und Geld und manch einer rassistische Gründe.

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28. Mai 2014 um 22:14

@unsicher @mensch
So geht es weiter:
Und mag die ganze Welt versinken,
Hafis, mit dir, mit dir allein
Will ich wetteifern! Lust und Pein
Sei uns, den Zwillingen, gemein!
Wie du zu lieben und zu trinken,
Das soll mein Stolz, mein Leben sein.

Es stellt sich die Frage, ob Goethe eventuell einem Schisma erlegen oder es möglicherweise sogar vertieft habe: einerseits der gute Islam - der persisch dominierte mit Hafis, dem Dichter der Ghaselen, an der Spitze, - andererseits der nahöstliche Islam der Mächte auf der Arabischen Halbinsel sowie des Osmanischen Reiches. Jener sei friedlich und ästhetisch, dieser hingegen kriegslüstern und intolerant. Der erste sei heute Geschichte, der andere Gegenwart. Die Gegenwart aber sei besitzergreifend und terroristisch.

Sein Urteil wäre gegenwärtig grundlegend falsch. Und dies nicht nur deshalb, weil das heutige Persien, also der Iran, mit einem solchen Urteil vollkommen falsch charakterisiert wäre, sondern weil sich Fluch und Segen der islamischen Welt in gleicher Weise vom Bosporus bis zur indonesischen Inselwelt ausbreiten. Die Grenzlinien verlaufen vollkommen anders, etwa zwischen Sunniten und Schiiten, zwischen Alewyten und Salafisten, jenseits davon zwischen nach Demokratie strebenden Gesellschaftssystemen und feudalistischen Diktaturen. Salafisten und Militärs knüppeln in diesen Tagen und Wochen Demokraten am Kairiner Tahrir-Platz zusammen. Die Hoffnungen der Revolutionäre vom Beginn des Jahres 2011 zerbröckeln unter dem Ansturm der Ewig-Gestrigen.

Und der Westen schaut feige zu! Er ist feige, weil er ungebildet ist und den tagespolitischen Nutzen über langfristige Strategien stellt. Er weiß nichts oder nur Bruchstücke von den jahrhundertealten kulturellen Beziehungen zwischen Orient und Okzident; ebenso schlecht ist es um das Wissen von den Hoffnungen der mutigen Bürger an Nil, Euphrat und Bosporus bestellt, etwas vom Geist der europäischen Aufklärung einatmen und von Philosophen, Poeten und Malern des Westens lernen zu können. Dies gilt übrigens auch vice versa: Kluge Köpfe des Okzidents haben über Jahrhunderte hinweg vom geistigen Reichtum des Orients Nektar gesogen, was wenig bekannt ist: Montesquieu mit seinen Lettres Persanes,Voltaire mit Zaire und Mahomet, Goethe mit seiner Divan-Dichtung. Viel früher noch pilgerten die Denker des Abendlandes zur Hohen Schule in Córdoba, um bei Ibn Ruschd, genannt Averroes, die Weisheiten der Vorsokratiker und die Erkenntnisse von Astronomie und Algebra zu studieren. Damals wussten die Eliten Europas noch, wo der Geist einer frühen Aufklärung wehte. Friedrich der Staufer wusste es ebenso. Wir haben es vergessen.

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