Forum / Gesellschaft & Leben

Mental Load bei Frauen

Letzte Nachricht: 17. Mai um 17:27
B
benson
11.05.22 um 16:18

Ich habe mich gerade neu hier angemeldet, weil es mir in letzter Zeit - vermeintlich unbegründet - nicht besonders gut geht und ich ständig gestresst und unzufrieden bin und von gutem Schlaf schon seit Monaten keine Rede mehr sein kann. Warum das so ist konnte ich mir nicht erklären. Toller Partner, super Job, alle gesund, keine Geldsorgen oder sonstiges. Zufällig bin ich dann über den Begriff "Mental load" gestolpert und endlich bekommt mein Zustand damit einen Namen.

Kurz gefasst bedeutet das einfach die ellenlange ToDo Liste im Kopf (meistens und besonders bei Frauen) und dieses "an alles denken". Selbst wenn es sich nur um Kleinigkeiten handelt wie zB dass der Müll raus gebracht werden muss, der Einkauf erledigt werden muss, das Bad geputzt, die Wäsche gewaschen werden muss etc. Man kann den Begriff einfach mal googeln und findet dazu schon sehr viele Treffer.

Mir war es bis dato nicht bewusst, aber ich glaube bei mir persönlich liegt genau hier der Hund begraben. Mein Partner hilft mir und unterstützt mich wo er kann. Wenn man aber so darüber nachdenkt: was soll heißen er "hilft"!? Wir leben ja immerhin beide im gemeinsamen Haushalt und wir sind beide vollzeit berufstätig. Da ist es doch kein "Helfen" seinerseits wenn er mal den Geschirrspüler ausräumt oder Staub saugt!? Sondern die Verantwortung von beiden! Oder?! Also ich muss ihm aufzählen was alles noch erledigt werden muss bzw. ihn daran erinnern. Selten kommt er von selbst auf die Idee den Müll runter zu bringen. Wenn ich ihn darum bitte macht er es auch ganz selbstverständlich. Nur genau darum geht es! Ich muss es im Kopf behalten und ihn ggf. darum bitten und daran erinnern - er merkt es nicht von selbst. Und das sind einfach wahnsinnig viele Dinge die da auf meiner "unsichtbaren" Liste stehen und mittlerweile leider meine Laune und auch schon meine Gesundheit sehr negativ beeinflussen. Einfach weil ich immer an alles denken muss! Da hilft es auch nicht viel wenn die Aufgaben dann halt durch ihn erledigt werden - ich muss es weiterhin auf dieser Liste haben weil ich ihn beim nächsten Mal wieder daran erinnern muss.

Worum es mir jetzt mit diesem Post aber hauptsächlich geht: kennt ihr das? Kann sich hier noch jemand so gut mit dem Begriff Mental load identifizieren? Es ist ja ein selbst gemachtes oder sogar anerzogenes Problem an dem man auch gut was ändern kann wenn alle mitmachen.

Was mir nur sehr sauer aufstößt ist, dass der Begriff in so gut wie allen Beiträgen im Internet oder auch in Büchern zu diesem Thema fast ausschließlich mit Müttern oder Eltern im Allgemeinen in Verbindung gebracht wird. Als ob ein kinderloser Mensch nicht "das Recht" hätte an Mental (over)load zu leiden!? Das verursacht bei mir persönlich schon fast wieder ein schlechtes Gewissen. Die gesamte Beschreibung dieser Thematik passt genau zu meinem derzeitigen Befinden und ich habe mich sehr gefreut endlich einen Namen dafür gefunden zu haben. Nur Kinder habe ich nicht... darf ich also dann doch nicht überfordert sein mit den ganzen Aufgaben meines Alltags? Muss ich mich also wieder "einfach zusammen reissen"?

So nun gut.. falls das hier jemand liest freue ich mich sehr über eure Gedanken (auch Diskussionen) dazu.




 

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S
sharly
16.05.22 um 8:37

Hallo benson =)

Erst einmal möchte ich mich bei dir bedanken, denn ich kenne diesen "Zustand" selbst nur allzu gut, wusste aber nicht, dass es dafür auch einen Namen gibt. Und leider hast du sowas von Recht dass viele Menchen, und auch nach meiner Erfahrung häufig Mütter, dafür kein Verständnis aufbringen können. Ich selbst habe auch keine Kinder und kann sogar erst frühstens im August wieder mit der Arbeit beginnen, und doch habe ich so häufig das Gefühl, mir Platz der Schädel. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich durch eine Tumorerkrankung ohnehin schon recht angeschlagen bin und obwohl es mir verhältnismäßig "gut" geht mekre ich natürlich dennoch, dass ich nicht gesund bin. Aber eben auch weil ich bisher einen recht milden Verlauf habe und nach Außen wenig zeige und kommunizieren, wie es mir wirklich geht, kommt einem oft wenig Verständnis entgegen. Ich glaube leider damit werden wir Betroffenen uns abfinden müssen - gerade Mütter sind da häufig wirklich in ihrer eigenen Seifenblase gefangen, sehen nur ihre Belastung, die sie zusätzlich zu den Kindern noch stemmen. Aber hier muss ich mir auch immer wieder klarmachen, dass dies, so schlimm es klingt, nicht mein Problem ist. Denn:
1. war es ihre und nicht meine Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzten, mit all den Konsequenzen die das nun einmal mit sich birngt, und
2. tangiert es meinen persönlichen Alltag nun einmal nicht, wie die ihre Familien führen, und welche Probleme sie haben. ICH alleine weiß was MEINE Probleme und täglichen Herausforderungen sind, und wie es mir mit denen geht. Dass andere sich vielleicht zusätzliche Belastungen aufgebürded haben, macht meine eigenen nicht weniger herausfordernd.
Natürlich wäre es schön, wenn man mehr Verständnis von anderen bekommen würde. Aber ich habe inzwischen mit den Versuchen aufgehört, dieses Verständnis zu "erkämpfen" oder mich zu rechtfertigen. Entweder da ist Verständnis, oder nicht. Und wenn es nicht vorhanden ist ist es nur eine zusätzliche Belastung, dieses irgendwie erkämpfen zu wollen. Am Ende des Tages hilft es mir halt auch nicht wirklich, wenn die NAchbarin mit ihren 3 Kindern verstehen kann, wie ich mich fühle, oder nicht.

Ich weiß, du hast hier nicht um Ratschläge gebeten, würde dir aber gerne dennoch mal schildern, was mir persönlich da häufig sehr hilft - vielleicht kannst du dir damit ja auch ein wenig den Kopf freibekommen. Mir hilft es oft ungemein, die unsichtbare Liste im Kopf einfach sichtbar zu machen, also aufzuschreiben. Zum einen habe ich immer einen Notizblock unterm Kopfkissen bzw. auf dem Nachttisch. Da kommen beim Heinlegen einfach alle Dinge rein, an die ich für den nächsten Tag denken muss. Anders bekomme ich dieses Gedankenkarussel auch nicht zum Stillstand... und wann immer ich wach liege, sobald ein neuer Gedanke kommt: Ab damit aufs Papier.
In ganz schlimmen Nächten pack ich mir dann auch mal meine Kopfhörer und mache mir entweder Naturgeräusche an, oder ein ASMR Video. Falls du das nicht kennst, gerne mal danach schauen. Das wirkt Anfangs unglaublich befremdlich und beinahe schon bescheuert. Aber ich habe da eine gute Künstlerin entdeckt, die es wirklich schafft, mich zu beruhigen und diesen Gedankenstrudel zu unterbrechen. Allgemein sich auf beruhigende Geräusche oder Klänge zu fokussieren ist für mich DIE Wunderwaffe wenn es darum geht, den Kopf auch frei zu halten, sodass auch endlich mal wieder etwas Schlaf möglich ist.
Und so handhabe ich es auch tagsüber, sobald ein weiteres "das muss noch gemacht werden" dazu kommt: Auf einen Zettel oder in die Notizapp auf dem Handy damit. Diese Gedanken umzulagern und einfach sichtbar zu machen tut mir persönlich unglaublich gut. Vor allem hilft es auch ganz gut beim strukturieren der Abläufe, wie man am besten welche Aufgaben miteinander verbinden kann, welche am schnellsten erledigt sind usw.
Und könnttest du deinem Partner nicht einen gut sichtbaren Zettel wo hin hängen, z.B.: Jeden Dienstag Müll runterbringen. Das würde dir dieses ständige erinnern auch abnehmen.
 

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B
benson
17.05.22 um 10:44
In Antwort auf sharly

Hallo benson =)

Erst einmal möchte ich mich bei dir bedanken, denn ich kenne diesen "Zustand" selbst nur allzu gut, wusste aber nicht, dass es dafür auch einen Namen gibt. Und leider hast du sowas von Recht dass viele Menchen, und auch nach meiner Erfahrung häufig Mütter, dafür kein Verständnis aufbringen können. Ich selbst habe auch keine Kinder und kann sogar erst frühstens im August wieder mit der Arbeit beginnen, und doch habe ich so häufig das Gefühl, mir Platz der Schädel. Dazu muss ich aber auch sagen, dass ich durch eine Tumorerkrankung ohnehin schon recht angeschlagen bin und obwohl es mir verhältnismäßig "gut" geht mekre ich natürlich dennoch, dass ich nicht gesund bin. Aber eben auch weil ich bisher einen recht milden Verlauf habe und nach Außen wenig zeige und kommunizieren, wie es mir wirklich geht, kommt einem oft wenig Verständnis entgegen. Ich glaube leider damit werden wir Betroffenen uns abfinden müssen - gerade Mütter sind da häufig wirklich in ihrer eigenen Seifenblase gefangen, sehen nur ihre Belastung, die sie zusätzlich zu den Kindern noch stemmen. Aber hier muss ich mir auch immer wieder klarmachen, dass dies, so schlimm es klingt, nicht mein Problem ist. Denn:
1. war es ihre und nicht meine Entscheidung, Kinder in die Welt zu setzten, mit all den Konsequenzen die das nun einmal mit sich birngt, und
2. tangiert es meinen persönlichen Alltag nun einmal nicht, wie die ihre Familien führen, und welche Probleme sie haben. ICH alleine weiß was MEINE Probleme und täglichen Herausforderungen sind, und wie es mir mit denen geht. Dass andere sich vielleicht zusätzliche Belastungen aufgebürded haben, macht meine eigenen nicht weniger herausfordernd.
Natürlich wäre es schön, wenn man mehr Verständnis von anderen bekommen würde. Aber ich habe inzwischen mit den Versuchen aufgehört, dieses Verständnis zu "erkämpfen" oder mich zu rechtfertigen. Entweder da ist Verständnis, oder nicht. Und wenn es nicht vorhanden ist ist es nur eine zusätzliche Belastung, dieses irgendwie erkämpfen zu wollen. Am Ende des Tages hilft es mir halt auch nicht wirklich, wenn die NAchbarin mit ihren 3 Kindern verstehen kann, wie ich mich fühle, oder nicht.

Ich weiß, du hast hier nicht um Ratschläge gebeten, würde dir aber gerne dennoch mal schildern, was mir persönlich da häufig sehr hilft - vielleicht kannst du dir damit ja auch ein wenig den Kopf freibekommen. Mir hilft es oft ungemein, die unsichtbare Liste im Kopf einfach sichtbar zu machen, also aufzuschreiben. Zum einen habe ich immer einen Notizblock unterm Kopfkissen bzw. auf dem Nachttisch. Da kommen beim Heinlegen einfach alle Dinge rein, an die ich für den nächsten Tag denken muss. Anders bekomme ich dieses Gedankenkarussel auch nicht zum Stillstand... und wann immer ich wach liege, sobald ein neuer Gedanke kommt: Ab damit aufs Papier.
In ganz schlimmen Nächten pack ich mir dann auch mal meine Kopfhörer und mache mir entweder Naturgeräusche an, oder ein ASMR Video. Falls du das nicht kennst, gerne mal danach schauen. Das wirkt Anfangs unglaublich befremdlich und beinahe schon bescheuert. Aber ich habe da eine gute Künstlerin entdeckt, die es wirklich schafft, mich zu beruhigen und diesen Gedankenstrudel zu unterbrechen. Allgemein sich auf beruhigende Geräusche oder Klänge zu fokussieren ist für mich DIE Wunderwaffe wenn es darum geht, den Kopf auch frei zu halten, sodass auch endlich mal wieder etwas Schlaf möglich ist.
Und so handhabe ich es auch tagsüber, sobald ein weiteres "das muss noch gemacht werden" dazu kommt: Auf einen Zettel oder in die Notizapp auf dem Handy damit. Diese Gedanken umzulagern und einfach sichtbar zu machen tut mir persönlich unglaublich gut. Vor allem hilft es auch ganz gut beim strukturieren der Abläufe, wie man am besten welche Aufgaben miteinander verbinden kann, welche am schnellsten erledigt sind usw.
Und könnttest du deinem Partner nicht einen gut sichtbaren Zettel wo hin hängen, z.B.: Jeden Dienstag Müll runterbringen. Das würde dir dieses ständige erinnern auch abnehmen.
 

Hallo Sharly!

Es freut mich sehr, dass du dir meinen Beitrag durchgelesen hast und deine Gedanken dazu mit uns teilst . Vorweg will ich dir das aller Beste für deine Genesung wünschen! Tut mir sehr leid was du mit deiner Erkrankung durchmachst! Ich will mir gar nicht ausmalen wie bedrohlich so etwas ist und wie man sich fühlen muss wenn es einen selbst betrifft . Hut ab vor dir wie gefasst du hier darüber berichtest und wie du damit umgehst.

Ja du hast recht. Entweder man bekommt Verständnis oder halt nicht. Im Grunde ist es ja auch egal. Nur bei mir meldet sich jedes mal das "schlechte Gewissen" wenn ich dann höre was zB eine meiner besten Freundinnen wuppen muss (2 Kleinkinder, Haus, Mann, Arbeit). Dagegen sind meine Alltags"probleme" ja wirklich lächerlich. Es ist ja nichtmal so, dass meine Freundin meine Probleme nicht ernst nehmen oder heruntermachen würde. Auch vergleicht sie uns in keinster Weise oder jammert über ihre Situation. Es ist nur mein eigener Kopf der mir dann jedes Mal sagt "jetzt reiss dich doch einfach mal zusammen, was ist los mit dir? Schau mal mit welchen Sachen andere zu kämpfen haben, dir gehts doch so gut und du hast eigentlich keine Probleme!" Dann beschäftigt man sich eingehender mit dem Thema und wird noch darin bestätigt, dass man selbst vermeintlich nicht das Recht hat zu jammern. Nein, dieses Recht ist alleine Menschen mit Kindern vorbehalten. Und das nervt!

Natürlich weiß ich dass ein Leben mit Kindern wahnsinnig anstrengend ist. Aber wie du sagst... Im Normalfall entscheiden sich die Menschen bewusst für dieses Leben - da ist es dann müßig neidvoll auf die Kinderlosen zu schauen und zu behaupten dass deren Probleme ja lächerlich dagegen sind.

Das mit dem Aufschreiben mache ich auch =), danke für den Tipp! Und auch diverse Klänge oder auch einfach nur Musik hilft mir ebenfalls sehr gut. Das durchbricht irgendwie dieses Karussell im Kopf. ASMR kenne ich noch nicht, werde ich mir anschauen, danke! Mein Partner hat bereits eine Liste von mir bekommen und bemüht sich sehr daran zu denken auch mal auf die Liste zu schauen 

Nochmal vielen Dank für deine Antwort und alles Gute für dich!

Benson
 

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costa_ricca
costa_ricca
17.05.22 um 15:34

Also ich habe Kinder und war teilweise alleine mit ihnen, würde aber niemals sagen, dass jemand ohne Kinder nicht auch überfordert sein (darf). Leider wird das auf die Waagschale gelegt und dabei die individuelle Situation nicht berücksichtigt. Mich erinnert die Problematik an meine Jungs und auch an meinen Ex-Mann, die auch alles "vorgesagt" bekommen müssen. Ich denke, das ist so ein typischer Pubertätsfaktor, der leider bei den meisten Männern nicht überwunden wird ... kann das sein?



Das mit den Erinnerungsnachrichten finde ich ist eine sehr gute Idee. Ich wünsche jedenfalls gute Besserung auf allen Ebenen!

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juliax1
juliax1
17.05.22 um 17:27

Ich stelle den Müllsack immer vor die Türe, so kann er ihn nicht vergessen, er stolpert ja quasi darüber

Aber ja, ich kenne das. Habe zwei Kinder, da hat man ständig an was zu denken und bin zusätzlich noch chronisch krank. (Hab glücklicherweise nicht immer Beschwerden) Die Arbeit ist eher etwas Entspannendes, arbeite aber auch nicht Vollzeit.

Mein Mann denkt ansonsten auch nicht an gewisse Dinge und ja, das ist megaanstrengend. Ich verstehe dich da also voll und ganz. Ich verlange da auch nicht viel, da ich eh nicht Vollzeit arbeite erledige ich ohnehin alles, ich wäre schon glücklich, wenn er seine Socken in die Wäschetonne packen würde. Ich versuche ihm das schon über 15 Jahre beizubringen aber es funktioniert nicht. Wenn ihr beide voll arbeitet, sollten natürlich auch beide gleich viel im Haushalt erledigen ohne, dass man vorher alles vorkauen muss. WIe wäre es mit einem Wochenplan? Ist die Aufgabe erledigt, dann kommt ein Haken dran.

Zum Thema Überforderung, jeder darf auch mal überfordert sein. Egal ob mit oder ohne Kinder, ob krank oder gesund. Es hat ja auch jeder Mensch eine eigene Belastungsgrenze. Schlechtes Gewissen musst du deshalb aber keines haben.
 

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