Home / Forum / Gesellschaft & Leben / Können wir in Deutschland daraus lernen?

Können wir in Deutschland daraus lernen?

30. November 2009 um 18:21

Ein etwas längerer Text der mich doch zum nachdenken angeregt hat. Vieles haben wir in den letzten Jahrzehnten aus den USA übernommen.
Nicht immer zu unserem Besten. Gerade auch was Bildung anbelangt. Wenn wir jetzt über den Teich schauen sollten wir in Deutschland nicht verstärkt auf unsere Stärken schauen?
Unser Solidarsystem zeigt im Vergleich zu den USA jetzt seine wahren Stärken.
Ich habe mich viel mit dem Thema "Imperium Romanum" befasst und es ist erschreckend wie stark die parallelen zu den USA sind. Besonders in ihrem zeitlichen Ablauf und den Gründen/Punkten ihres Aufstiegs und der ersten Verfallserscheinungen.

Ich kann den USA nur wünschen das sie noch die Kurve bekommen.Deutschland kann ich nur wünschen, dass sie an dem Weg des sozialen Ausgleichs festhalten.


lg
dante


Wer die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts betrachtet, sieht noch immer eine Weltmacht. Aber es ist eine Weltmacht, die von außen Konkurrenz und im Innern Schwierigkeiten bekommen hat. Die Unter- und Mittelschicht werden zu Verlierern der Globalisierung.

Die Stärken der USA sind heute auch ihre Schwächen, weshalb es lohnt, sie genauer zu betrachten. Im Wesentlichen sind es drei Erfolgsfaktoren, die man in dieser Mischung nur zwischen Boston und Los Angeles vorfindet. Es handelt sich um drei Exklusivitäten, deren gleichzeitiges Auftreten den bisherigen Weltruhm der Vereinigten Staaten begründete.

Erstens: Optimismus und Wagemut in dieser hohen Konzentration findet man nirgendwo sonst. Amerika ist das Land, das am stärksten dem Neuen zustrebt, nicht erst seit gestern (wie die Osteuropäer) und nicht erst seit drei Jahrzehnten (wie die Chinesen), sondern vom ersten Tag der Besiedlung an. Neugier ohne Beklommenheit ist offenbar im Gencode dieser Nation abgespeichert.

Der bis heute anhaltende Zustrom von Leistungswilligen und Abenteuerlustigen, der mithalf, allein seit 1980 das Heer der Beschäftigten um knapp 44 Millionen Menschen aufzustocken, sorgt für eine ständige Auffrischung der Ressource Wagemut. Es ist eben nicht der Zuwachs an Menschen allein. Der Zuwachs von 17 Millionen verunsicherten Menschen, die sich auf die Wahrung ihrer verbrieften Rechte konzentrieren und nicht auf eine außerordentliche Kraftanstrengung, bewirkt das Gegenteil, wie das wiedervereinte Deutschland erfahren musste.

Zweitens: Die USA sind radikal global. Schon ihre Entstehungsgeschichte, als sich die Aufmüpfigen aller Länder auf dem Boden der heutigen Vereinigten Staaten vereinigten, weist sie als Weltenkinder aus. Helmut Schmidt nennt die Gründer Amerikas eine "Elite der Vitalität", die bis heute ihre Gene weitervererbt habe. Ihre Sprache dominiert, hat das Spanische und das Französische bereits in der zweiten Hälfte des abgelaufenen Jahrhunderts verdrängt. Ihre Alltagskultur, vom T-Shirt über den Rock 'n' Roll bis zur E-Mail, hat die halbe Welt auf friedliche Weise kolonialisiert. Von Beginn an drängten auch die Konzerne in andere Länder, um Handel zu treiben und Produktionsstätten zu errichten. Die multinationalen Konzerne waren keine amerikanische Erfindung, aber sie wurden ihre Spezialität.

Drittens: Die USA sind die einzige Nation der Erde, die weltweit Geschäfte in eigener Währung abwickeln kann. Der Dollar wurde das Zahlungsmittel der Welt. Wer ihn besitzen will, muss ihn in den Vereinigten Staaten einkaufen. Alle wichtigen Entscheidungen über die Menge des umlaufenden Bargelds oder die Höhe der Leitzinsen werden innerhalb der Landesgrenze getroffen, was ein Höchstmaß an nationaler Selbstständigkeit garantiert. In den Adern der Weltwirtschaft pulsiert amerikanisches Blut. Nahezu jedes zweite Geschäft wird in Dollar abgewickelt, zwei Drittel aller Währungsreserven halten die Staaten in Dollar. Schon der französische Nachkriegspräsident de Gaulle bewunderte dieses "exorbitante Privileg".

Einladung zur Kraftprobe

Nun zur Kehrseite der Medaille. Erstens: Die Bürger der USA sind derart optimistisch, dass die Grenze zur Naivität fließend verläuft. Die Verschuldung von Staat, Firmen und Privathaushalten übersteigt alle bisherigen Dimensionen. Im Gottvertrauen auf eine Zukunft, die rosiger aussieht als die Gegenwart, genehmigen sich Millionen von Haushalten einen Vorschuss, der so hoch ausfällt, dass er das Erreichen eben dieser Zukunft gefährdet. Die Unter- und Mittelschicht haben das Sparen praktisch eingestellt. Sie leben zu Beginn des 21. Jahrhunderts wie eine afrikanische Großfamilie von der Hand in den Mund, ohne jede finanzielle Vorratshaltung.

Zweitens: Die Globalisierung schlägt zurück. Die USA haben den weltweiten Warenaustausch wie keine andere Nation vorangetrieben, mit dem Ergebnis, dass eine Erosion ihrer angestammten Industrie eingesetzt hat. Einige Produktionszweige, vorneweg die Möbelindustrie, die Unterhaltungselektronik, viele Autozulieferer und neuerdings auch die Computerfertigung, haben das Land für immer verlassen. Der Freihandel nützte in jüngster Zeit vor allem den Angreiferstaaten, die sich von den Weltmarktanteilen der Vereinigten Staaten eine dicke Scheibe abschnitten.

Drittens: Der Dollar macht die USA nicht nur stark, er macht sie auch verwundbar. Die Regierung pumpte ihn derart geschäftstüchtig in alle Welt, das der amerikanische Geldkreislauf heute von außen zum Kollabieren gebracht werden kann - zum Beispiel aus Peking. Bill Clinton sprach von "strategischer Partnerschaft", George Bush bereits von "strategischer Rivalität" gegenüber China. Beide meinten das Gleiche. Es gibt eine Abhängigkeit, die in normalen Zeiten zur Zusammenarbeit verpflichtet. Wenn die Zeiten andere sind, lädt sie auch zur Kraftprobe ein.

Vom Wohlstand entkoppelt

Wer die Vereinigten Staaten zu Beginn des 21. Jahrhunderts betrachtet, sieht noch immer eine Weltmacht. Aber es ist eine Weltmacht, die von außen Konkurrenz und im Innern Schwierigkeiten bekommen hat. Die Rückkoppelungen der Globalisierung sind gerade für die weltoffene US-Wirtschaft derart heftig, dass weite Teile der amerikanischen Arbeiterschaft mittlerweile mit dem Rücken zur Wand stehen.

Der Aufstieg der Asiaten führte bisher nur zum relativen Abstieg der amerikanischen Volkswirtschaft. Aber für viele Arbeiter und Angestellte der Unter- und Mittelschicht ist dieser Abstieg bereits ein absoluter, denn sie besitzen von allem weniger als zuvor; weniger Geld, weniger Ansehen und auch die Chancen auf einen gesellschaftlichen Wiederaufstieg haben sich für sie enorm verschlechtert. Im Weltkrieg um Wohlstand sind sie die Verlierer. Das ist ihr Schicksal, aber nicht ihre Schuld. Und mitnichten ist es ihre Privatangelegenheit. Jede Nation, erst recht aber eine Gesellschaft, die das Streben nach Glück in den Rang eines Grundrechts erhob, muss sich unbequeme Fragen stellen lassen, wenn ein immer größer werdender Teil ihrer Einwohner vom allgemeinen Wohlstand der Nation entkoppelt wird.

Der US-Kongress berief am 28. Oktober 1998 eine hochkarätig besetzte Kommission, um die Auswirkungen des Handelsbilanzdefizits und das Sterben der Industriearbeit zu untersuchen. Donald Rumsfeld, der heutige Verteidigungsminister, Robert Zoellick, der damalige Handelsbeauftragte, Anne Krueger, die Nummer zwei des Weltwährungsfonds, und MIT-Professor Lester Thurow verschafften sich im Präsidentenauftrag ein Bild der Lage.

Bis zum Ende der siebziger Jahre, so das Ergebnis des Komissionsberichts, war die Welt der Amerikaner in Ordnung. In den ersten drei Jahrzehnten nach Kriegsende wuchsen die Familieneinkommen in allen Bevölkerungsschichten nahezu gleich schnell, mit leichtem Vorteil für die Einkommen der Armen. Das unterste Fünftel der US-Gesellschaft legte um 120 Prozent zu, das zweite Fünftel um 101 Prozent, das dritte Fünftel um 107 Prozent, das vierte Fünftel um 114 Prozent und das letzte Fünftel wuchs nur um 94 Prozent. Das war der in Zahlen gegossene amerikanische Traum.

Dann aber drehte sich der Trend, nicht nur in den USA. Japan war erwacht, die weltweiten Handelsströme änderten ihre Laufrichtung. Die Kapitalisten lösten sich von der heimatlichen Scholle und suchten nun auf eigene Faust nach geeigneten Anlageorten. Die ausländischen Direktinvestitionen, die bis dahin mehr oder minder im Gleichklang mit den Exporten gewachsen waren, schossen nach oben.

Bis dahin dienten die Investitionen im Ausland fast ausschließlich der Exportförderung deutscher, amerikanischer oder französischer Waren, nun aber begann die Verlagerung der Fabriken, vor allem um Kosten zu sparen. Für den Weltmarkt wurde zunehmend weltweit produziert, was zu einer Neuverteilung von Kapital und Arbeit führte. Die globale Produktion wuchs zwischen 1985 und 1995 um gut 100 Prozent. Die im Ausland getätigten Direktinvestitionen aber legten im gleichen Zeitraum um 400 Prozent zu. Mit dieser Wanderung des Produktionsfaktors Kapital begann auch der Produktionsfaktor Arbeit, unruhig zu werden.

Filialen in aller Herren Länder

Die neuen Jobs entstanden anderswo, was nicht ohne Rückwirkungen auf die Familieneinkommen in den Vereinigten Staaten blieb. Innerhalb der nächsten zwei Jahrzehnte schrumpfte das Einkommen im untersten Fünftel um 1,4 Prozent, das zweite Fünftel legte immerhin noch um 6,2 Prozent zu, das dritte Fünftel wuchs um 11,1 Prozent, das vierte Fünftel um 19 Prozent, die Spitze der Pyramide, wo die Antreiber, die Vordenker und bedeutendsten Profiteure der Globalisierung zu Hause sind, erzielte Einkommenszuwächse von 42 Prozent.

Der Unterschied zur Glanzzeit der amerikanischen Volkswirtschaft, als das Land Wohlstand für fast alle produzierte, ist auch auf den Armaturen der Volkswirtschaft präzise ablesbar: Bis in die siebziger Jahre hinein glühte der produktive Kern des Landes derart intensiv, das er in alle Welt ausstrahlte. Die USA lieferten Dollar und Waren überallhin. Die Kernenergie des amerikanischen Imperiums half beim Wiederaufbau des kriegszerstörten Europa und in Japan. Die Vereinigten Staaten waren für vier Jahrzehnte der größte Netto-Exporteur und der größte Kreditverleiher der Welt. Alles lief so, wie es in den Lehrbüchern geschrieben steht: Die reichste Nation der Welt pumpte Geld und Waren in die ärmeren Staaten. Die USA entnahmen aus ihrem eigenen produktiven Kern jene Energie, mit der sie andere Länder zum Glühen oder doch wenigstens zum Glimmen brachten. Sie waren das unumstrittene Kraftzentrum der Welt, von dem aus die Energieströme sich in alle Richtungen verteilten.

Auch ohne Militäreinsatz war das US-Kapital überall beheimatet. Viele haben es als Segen und manche als Fluch empfunden, in jedem Fall war es für Amerika ein erträgliches Geschäft: Auf dem Höhepunkt ihrer ökonomischen Macht hielt die westliche Führungsnation im Ausland eine Nettovermögensposition in Höhe von dreizehn Prozent ihres Sozialprodukts. Oder anders ausgedrückt: Der produktive Kern des Landes hatte sich so enorm vergrößert, dass er nun Filialen in aller Herren Länder besaß.

Was übrig blieb

Diese über jeden Zweifel erhabenen USA gibt es nicht mehr. Das Kraftzentrum ist noch immer kräftiger als andere, aber die Energie fließt seit einigen Jahren in die umgekehrte Richtung. Heute wird der produktive Kern Nordamerikas von Asiaten, Lateinamerikanern und Europäern mitversorgt. Der größte Exporteur wurde zum größten Importeur der Welt. Der wichtigste Kreditgeber verwandelte sich in den bedeutendsten Kreditnehmer. Heute sind es die Ausländer, die in den Vereinigten Staaten eine Nettovermögensposition in Höhe von 2,5 Billionen Dollar oder 21 Prozent des amerikanischen Inlandsprodukts halten. Neun Prozent aller Aktien, 17 Prozent der Industrieschuldverschreibungen und 24 Prozent der Staatsanleihen werden von Ausländern gehalten.

Die Ursache dieser neuen Wirklichkeit ist weder die Faulheit der Amerikaner noch ihre unbestrittene Konsumlust. Verantwortlich ist die US-Industrie, beziehungsweise das wenige, was davon übrig blieb: Sie hat sich innerhalb nur weniger Jahrzehnte halbiert. Zum Inlandsprodukt trägt sie nur noch 17 Prozent bei, derweil es in Europa 26 Prozent sind.

Alle relevanten Volkswirtschaften der Welt liefern heute Waren in die USA, ohne in gleichem Umfang dort einzukaufen. Im Handel mit China betrug das Defizit 2005 rund 200 Milliarden Dollar, im Handel mit Japan waren es gut 80 Milliarden Dollar, mit Europa über 120 Milliarden Dollar. Selbst in den Handelsbeziehungen mit weniger entwickelten Volkswirtschaften wie der Ukraine und Russland kann Amerika keine Handelsüberschüsse mehr erzielen. Jeden Tag werden in den Vereinigten Staaten Schiffsladungen gelöscht, denen keine Handelsware aus US-Produktion mehr gegenübersteht. Viele Containerschiffe fahren leer zurück.

Wer nach Entlastungsmaterial zugunsten der Supermacht sucht, wird zumindest in der Handelsbilanz nicht fündig. Es sind eben nicht Rohstoffe und irgendwelche importierten Zulieferteile, die für das vergrößerte Ungleichgewicht sorgen. Die Position für die Ölimporte beispielsweise fällt mit rund 160 Milliarden Dollar nicht so stark ins Gewicht, wie viele glauben. Es sind die Spitzenprodukte einer entwickelten Volkswirtschaft - Autos, Computer, Fernseher, Spielekonsolen -, die von überall her bezogen werden, ohne dass die eigene Herstellung in gleichem Umfang auf dem Weltmarkt loszuschlagen ist.

Quelle : www.spiegel.de

Mehr lesen

30. November 2009 um 18:40

Noch eine weitere Perspektive
Der amerikanische Traum verblasst

Während der Sonnenstaat in Schulden versinkt und Amerikas öffentliches Erziehungssystem daniederliegt, macht Asiens technische Intelligenz lieber zu Hause "ihr Ding".

Noch nehmen die USA Spitzenplätze in den Schlüsselindustrien der Zukunft ein, in der Informations- und Nanotechnologie und den Lebenswissenschaften. Und noch führt das Weltwirtschaftsforum das Land als wettbewerbsstärkste Wirtschaft in ihren Rankings. Werden Entscheidungsträger aufgefordert, Länder nach ihrer Innovationsfreudigkeit aufzulisten, rangieren die USA jedes Mal auf den vordersten Plätzen.

Schwerfällig und träge

Diese Spitzenposition ist jedoch zunehmend in Gefahr. Und das nicht nur wegen nachrückender aufstrebender Mächte in Fernost (Forever Number One), die, wie mittlerweile China, fast sechzig Prozent ihres Budgets in Forschung und Entwicklung stecken.

Die amerikanische Kultur, schreibt Fareed Zakaria, vieldiskutierter Autor eines postamerikanischen Zeitalters (Die Zukunft ist postamerikanisch), in Newsweek (Is America Losing Its Mojo?), dessen Herausgeber er ist, ist gegenüber technischen Erfindungen nicht mehr so offen und innovationsfreundlich wie noch vor Jahren.

Sichtbar werde das neben der pharmazeutischen Industrie, die derzeit einen ähnlichen Niedergang durchmache wie die Textilindustrie vor Jahren, vor allem bei der Energieversorgung. Auf nahezu allen wichtigen Gebieten alternativer Energiegewinnung, bei Wind, Solar oder Photovoltaik, hinke das Land allen anderen Ländern hinterher. Zwar habe man mit General Electric den weltgrößten Hersteller von Windturbinen im Land, doch nahezu alle anderen Topadressen befänden sich außer Landes, in China, Japan, Korea oder in Deutschland.

Der Brain Drain versiegt

Sichtbar werde das aber hauptsächlich an den fehlenden Fachkräften. Anders als vor und nach WK II, als vor allem aus Deutschland die besten Köpfe in Übersee eine neue Heimat suchten und fanden; und anders als in den sechziger und siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts, als man die Einwanderungsgesetzgebung stark erleichtert hat und Millionen von Asiaten ins Land strebten, hätten die USA bei diesen Bevölkerungsgruppen an Attraktivität verloren. Sie seien nicht mehr jener Magnet, der die Talentiertesten und Begabtesten aus aller Welt anzieht.

Zwar gebe es noch keine exakten Messungen, aber die Anzeichen mehrten sich, dass junge Wissenschaftler, Akademiker und Ingenieure lieber in ihren Heimatländern blieben, in China, Indien, Singapur und Korea. Sie wollten lieber dort ihr Ding machen, als sich zu entwurzeln und ihr Glück in einem fremden Land zu versuchen. Landeten Anfang der 1980 noch etwa dreiviertel aller Absolventen des Indischen Instituts für Technologie in den Vereinigten Staaten, sind es in den letzten Jahren weniger als 10 Prozent gewesen, die es nach Amerika zog.

Der Pleitegeier kreist

Zakaria erinnert daran, dass Silicon Valley, Menlo Park und andere vergleichbare Technologiezentren nicht im Vakuum entstanden sind. Vielmehr seien sie durch eine Reihe staatlicher Maßnahmen gezielt gefördert worden. Der Staat Kalifornien beispielsweise, in dem viele dieser Parks entstanden sind, habe sich einst durch eine vorzügliche Infrastruktur ausgezeichnet, er habe sich sehr unternehmerfreundlich gezeigt und darüber hinaus auch mal das beste öffentliche Erziehungssystem gehabt.

Diese Zeiten seien aber längst vorbei. Heute sei der Staat notorisch pleite, er könne seine Beamten nicht mehr bezahlen und baue statt Schulhöfe lieber Gefängnisse. Gab man vor vierzig Jahren noch 18 Prozent des Staatshaushalts für Erziehung aus, sind das gegenwärtig nur noch zehn Prozent. Dies sei wohl auch einer der Gründe, warum Amerika nicht mehr jene Talente und Begabungen hervorbringe, die die künftige Wissensgesellschaft 2.0 unbedingt benötige.

Bestätigt und gar noch getoppt wird diese Aussage Zakarias von John B. Judis (End State). Der ehemalige Herausgeber des New Republic fürchtet gar, dass sich der amerikanische Traum, der sich im Sonnenstaat Kalifornien aktualisieren sollte, zu einem Alptraum entwickelt könnte, wenn dem Land nicht rasch eine Trendumkehr gelänge. Nicht nur sei die Arbeitslosenquote auf über 12 Prozent hochgeschnellt, der höchsten seit siebzig Jahren, der Frontierstaat sei auch zum größten Schuldenmacher unter allen anderen Bundesstaaten geworden.

Paradise Lost

Verantwortlich für diese missliche Lage Kaliforniens ist laut Judis auch dessen schlechtes öffentliches Bildungssystem. Nahezu zwei von drei Schülern sind mittlerweile Hispanics oder Afroamerikaner. Viele davon stammten aus einkommensschwachen Bevölkerungsgruppen, die meist nur schwer zu unterrichten sind und deren Eltern für Bildung und Fortkommen ihrer Kinder kein unmittelbares Interesse zeigten. Um diese Kinder gezielt zu fördern, bringe der Staat Kalifornien nicht nur viel zu wenig Mittel auf, er kürze auch noch am Material und Personal.

Für die Misere verantwortlich sei aber noch mehr die Segmentierung der Wirtschaft. Während man in den Leuchttürmen Kaliforniens, rund um Santa Barbara, Palo Alto oder in Oakland noch wenig von der Krise merke, sehe es in Central Valley und in den Speckgürteln, wo der Suprime Markt seine Spuren hinterlassen ha, so aus wie in Detroit.

Dementsprechend unterschiedlich gestalteten sich auch die Arbeitslosenquoten. Läge sie im Silicon Valley bei knapp neun Prozent, erreiche sie nahe der mexikanischen Grenze fast dreißig Prozent. Ähnliches lasse sich über die Lohnentwicklung sagen. Ginge die Schere zwischen gut und schlecht bezahlten Jobs, zwischen Managern auf der einen und Landarbeitern und Dienstpersonal auf der anderen Seite, immer weiter auseinander, würden die gut bezahlten Jobs immer rarer. Allein in den neunziger Jahren habe Kalifornien einhunderttausend dieser gut dotierten Jobs verloren, während siebenhunderttausend neue Jobs entstanden seien, die mit zehn Dollar die Stunde entlohnt würden, Kassiererinnen, Kellner, Büro- und Küchenhilfen. Tendenz steigend!

Is California Finished?

Ganz offensichtlich realisiert sich hier bereits, was der amerikanische Handelsökonom Jagdish Bhagwati schon seit Längerem vermutet: Anders als in früheren Zeiten, wo technische Innovationen nach einer gewissen Zeit der Einführung zu Einkommenssprüngen auf Seiten der abhängig Beschäftigten führten, trage die Computerisierung dazu bei, dass die Einkommen der amerikanischen Mittelschichten seit zwei Jahrzehnten stagnierten.

Belasteten bislang die Einführung Arbeitskräfte sparender neue Technologien die Einkommen nur für kurze Zeit, um sie danach wieder in die Höhe schnellen zu lassen, drücke die Informationstechnologie die Löhne gnadenlos nach unten. Dadurch würden auch alle Anstrengungen, die unternommen werden, um Kinder, Jugendliche und Jungerwachsene höher zu qualifizieren und zu besseren Jobs zu verhelfen, konterkariert.

Einen Masterplan, wie beides, das darbende Erziehungssystem und die segmentierte Wirtschaft, repariert werden könnte, sieht Judis hingegen nicht. Und die Hoffnung, dass sich der Sonnenstaat wie früher selbst erneuere, neu erschaffe oder sich gar am eigenen Schopf aus dem Sumpf herausziehen könnte, hat er auch nicht. Dafür sei das politische System mittlerweile zu verfahren, zu unbeweglich und zu zerrüttet. Eine Einschätzung, die auch andere (Can America Fail) teilen.

Quelle : http://www.heise.de/tp/

Gefällt mir

Frühere Diskussionen

Diskussionen dieses Nutzers

Beliebte Diskussionen

Teste die neusten Trends!
experts-club

Das könnte dir auch gefallen