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*Heimat* damals und heute

17. Juni 2003 um 21:05

Ich komme aus dem Osten. Ich bin hier geboren und groß geworden.
Ich habe hier gelebt und bin hier zu Hause. Mich hat keine Politik interessiert,
ich war Kind. Ich kam nie raus hier, selbst Polen war eine Zeitlang zu.
Maximal 1 Tag in der CSSR (wer kennt das noch) war drin.
Der Rest der Welt sollte Phantasie bleiben. Ein Auto so unerschwinglich
(12 Jahre Wartezeit) wie ein Telefonanschluss (auch mehrere Jahre Wartezeit).

Die Welt war klein aber einfach. Man brauchte nicht denken, denn man sollte ?bedacht? sein.
Man lernte hier zu leben, anzustehen, zu akzeptieren das es einmal keine Butter gab, ein andermal keine Schokolade.

Als Kind sammelte man Papier und brachte sie mit dem Handwagen zum Altstoffhandel und bekam nach Abwiegen ein paar Pfennige. Damit ging man ins Spielzeuggeschäft und kaufte was für 20 Pfennig. Meist Luftballons oder Seifenblasen.

Irgendwie fehlte nichts in dieser einfachen Welt. Zumindest als Kind, wenn man nichts anderes kannte.

Später änderte es sich.
Aber immer noch stutze niemand, das man in der 6. Klasse im Sportunterricht als Fach Keulen Weitwurf hatte. Nur das es sich um eine mit Sand gefüllte Stabhandgranate aus dem
zweiten Weltkrieg handelte. Später in der 8. Klasse wurde sie umgetauscht und das Sportfach hieß F1 Weitwurf. Das war nun eine mit Sand gefüllte Angriffshandgranate aus Stahl, wie sie derzeit noch benutzt wurde. Die Note 1 waren 32 Meter. Warum? Ganz einfach. 5 Sekunden braucht das Teil zur Detonation. 25 Meter war der Splitterradius und diese 7 Meter läuft der ?Werfer? weiter in Richtung Feind.
Tja ..... und das lernt man mit 14. Danach folgte das Unterrichtsfach ZV (Zivilverteidigung)
Hier lernte man den Umgang mit Gasmasken und wie man sich vor einem Atomschlag schützt. Daneben auch Erste Hilfe usw.

Keiner stutze, es war normal.

Etwas später beginnt man nachzudenken und zu reden. Doch dann wurde man immer gebremst. ?Sei still? hieß es. ?Sprich nicht so laut oder halte den Mund? wenn man kritisch gegen den Statt sprach. Jeder wusste es, jeder war still. Was einem Blühte wann man ?laut? wurde, war bekannt. Nur nicht WIE schlimm es war.

Todesstrafe gab es nicht? Tja ... nur für die Welt. Und doch stand bis 1979 hier 5 km vom mir im Keller der Stasi eine Guillotine. Kopf ab wer nicht hören mag. Tatsache und bis 79 in Gebrauch der Stasi. Danach wurde sie getauscht und der Genickschuss wurde bis 1984 Standart Exekution für Regime Gegner. Wer es nicht glauben will kann das Stasimuseum in Leipzig besuchen. Hier liegen die Zeugen der Geschichte.
17 Millionen Menschen lebten hier und es gab 11 Millionen Akten über Menschen hier.
Wenn man Säuglinge und Kleinkinder und Ältere wegrechnet, wurde also jeder beobachtet.
Jeder sprach mal über das Thema Flucht. Heimlich ...

Aber viele wussten danach auch nicht wohin. Wir lebten hier. Familie und Freunde lebten hier. Und man war eingesperrt mit gefräßigen Tieren. Wer sich rührte wurde gefressen.

Trotzdem wehrten sich die Menschen auf ihre Art.
Am 17. Juni ... heute vor 50 Jahren kam es zum ersten Aufstand. Am Ende stand Mensch gegen Panzer ..... und wurde überrollt. Die blutige Bilanz: Insgesamt starben zwischen 50 und 300 Streikende und Demonstranten. Sie wurden erschossen, hingerichtet, in Sowjetlager verschleppt, gefoltert und ermordet.

Aber es war der erste Versuch. Danach folgte in Kommunistischen Ländern der ?Prager Frühling? und zuletzt der Chinesische Aufstand am Platz des Himmlischen Friedens.
Alles wurde mit Panzern platt gemacht.

Bis es 1989 in Leipzig (meiner Heimatstadt) wieder ein Aufstand der Menschen gab.
Es wurde wieder gedroht und Panzer fuhren auf. Aber am 9. Oktober (dem Tag der Entscheidung) blieben 7000 Menschen trotzig hier auf der Straße und schauten den Soldaten mutig ins Gesicht. Und sie schafften was kaum einer für möglich hielte. Den Umbruch.
Ich bin stolz dabei gewesen zu sein. Trotz Warnung von allen Seiten, trotz Androhung auf 10 Jahre Zuchthaus liefen wir hinaus.

Tage später ... die Mauer fiel und wir waren frei.

Nun sind viele Jahre vergangen. Ich lebe immer noch hier ... in meiner Heimat.
Aber sie ist anders geworden.

Auch wenn es viele Menschen in Westdeutschland bis heute nicht bereifen, ich bin stolz darauf hier gelebt zu haben. Nicht die Politik ist hier Maßstab, sondern die Menschen.
Ich bin nicht als Bittsteller in den Westen gekommen, sondern als freier Mensch.
Ich hab damals wie heute genauso hart gearbeitet wie ein Kollege in Westdeutschland. Und damals wie heute wird man hier bezahlt wie ein Bettler. Die Kosten des Lebens sind die gleichen wie in Westdeutschland, oft höher sogar. Aber ich lebe nun mal hier. Es ist meine Heimat.

Niemand will die alte Zeit zurück, aber nur wenige schämen sich ein Ossi zu sein.
In Westdeutschland werden die Menschen hier oft eher lustig von oben herab betrachtet.
Ja mag sein, das viele hier arm sind. Das viele nicht diese Schule hatten wie im Westen.
Aber das ist die Schuld des Regimes dem wir ausgesetzt waren. Nicht die Schuld der Menschen hier

Heute ist der 17. Juni.
Ich denke an all die Menschen die auf dem Weg in die Freiheit ihr Leben ließen.
Ob bei Demonstrationen, ob bei Fluchversuchen, oder in Stasi Haft.

Wir haben uns mutig die Freiheit erkämpft und darauf sind wir stolz.

Ja, ich bin ein Ossi. Und wie sagte letztens jemand aus dem Westen ganz überrascht und herablassend zu mir? Einer aus der Zone.

Ja, stimmt. Und darauf bin ich Stolz. Aber auch wir lieben die Freiheit.

In Gedenken an alle die für diese Freiheit ihr Leben ließen.

Stromer

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17. Juni 2003 um 23:10

Servus stromer!
welche "beziehung" "verbindung" hat pain die österreicherin zur ehemaligen ddr? was veranlasst sie, sich in diesem beitrag zu melden? ich wills dir (euch) sagen...

zum einem war meine jugendfreundin aus der tschechoslowakei und ich bekam mit, welchen preis ihre eltern, deren angehörige und auch sie für die flucht zahlen mussten...

zum anderen diese geschichte:

eine liebe freundin von mir, die ich in innsbruck kennenlernen durfte, kam aus der ehemaligen ddr... sie hat knappe sechs jahre in innsbruck gelebt... nun ist sie seit fast zwei jahren wieder "zu hause" (nähe werdau)...

oft sind wir zusammengesessen und haben über ihre vergangenheit geredet... besser gesagt - sie hat geredet, ich hab zugehört... oft lief mir kalter schauer über den körper... teils von den den erzählungen, teils von den schäden, die die stasi"erziehung" angerichtet hat...

als regegnerin landete sie mit 16 (!!!!) zum ersten mal in der geschlossenen psychiatrie... nach der entlassung war sie nicht lange in freiheit... wieder konnte sie ihren mund nicht halten... wieder sagte sie laut in der öffentlichkeit, was viele dachten... diesmal gab es die steigerung der geschlossenen psych... umerziehung wurde es genannt... und man versuchte mit allen mitteln sie umzuerziehen... es gelang nicht... aber man schaffte, dass diese starke, intelligente persönlichkeit zum psychischen wrak wurde, dass unter verfolgunswahn und persönlichkeitsstörungen leidet und zu hoher wahrscheinlichkeit nicht therapierbar ist...

momentan hab ich wieder keinen kontakt zu ihr, da sie sich wieder (zum dritten mal in den vergangenen zwei jahren) selbst in die geschlossene einweisen lies, weil sie mit dem leben nicht zurecht kommt und sorge hat, dass sie ihr kind und sich ins jenseits befördert, weil sie darin die einzige lösung ihrer qualen sieht... nach wie vor fühlt sie sich verfolgt und beobachtet... wen wunderts, war ihre mutter und ihr onkel ein hohes stasitier, die selbst vor den engsten familienangehörigen nicht halt machten.................

meine freundin hat immer für die freiheit gekämpft... zwar hat sie nicht mit dem leben, gleichwohl aber mit der lebensqualität und ihrer psyche bezahlt... wenn man es genau betrachtet, kann man sagen, dass die frau von damals starb aber zum weiterleben verurteilt wurde...

würde es mehr menschen mit courage geben, dann würde mancher kampf schneller zu gewinnen sein... wäre manches unrecht schneller abzustellen... aber was hat man vom wenn..............

meine anerkennung gehört denen, die sich wehren... die bereit waren und sind, ihr leben und dessen qualität für die freiheit und contra gewalt aufs spiel zu setzen... mit dem wissen, dass sie verlieren können... dass sie mit dem größten besitz (ihrer psyche und ihrem leben) "russisch roulette" spielen...

weiters gehört meine anerkennung denen, die überlebt haben, obwohl sie andere vorstellungen hatten... unter diesen bedingugen kann man niemandem zum vorwurf machen, dass er sich nicht gewehrt hat... dass er nicht bereit war, diesen preis zu zahlen... denn ehrlich... wie viele von uns würden diesen preis wissentlich bezahlen wollen? wer von uns ist so ein kämpfer und so ein zocker? ich kann für mich diese frage nicht beantworten... ich bin (zum glück!) unter anderen bedingungen aufgewachsen und mir wurde gelehrt mich zu wehren... hätte ich die courage, wenn ich eine andere (radikale) erziehung genossen hätte? ich weiß es nicht... ich weiß nicht, ob ich ein unglücklicher kuscher, oder ein rebell gewesen wäre... ob ich halbwegs unbeschadet aus dieser zeit rausgekommen wäre, oder ob ich das los meiner freundin gezogen hätte...............

traurig machen mich die ossi"witze", die kursieren... ich kann nicht darüber lachen... ich kann nur dankbar und froh sein, nicht in dieser, mir fremden welt geboren worden zu sein!

liebe grüße, pain

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18. Juni 2003 um 11:04

Hey Gefährte ;o)
Denn irgendwie bist du es. Denn auch ich gehörte in Leipzig zu denen, die sich in der Nikoleikirche und heimlichen Treffpunkten zusammenfanden. Die,die sich auf den Straßen dicht zusammendrängten um keinen Platz für Leute zu lassen die es sich zum Ziel gesetzt hatten das Motto der Gewaltlosigkeit zu torpedieren um einen Grund zu haben die tödliche Maschinerie in Bewegung zu setzen.Immer voller Angst verhaftet zu werden. Und bei mir hatte die Angst ein Gesicht. Ich kannte sie nämlich schon. Ich lernte sie als 17-jähriger nach einem Fluchtversuch kennen.
Stundenlange Verhöre,Schläge und das Erwachen am nächsten Nachmittag und im Spiegel ein blutiges,formloses etwas zu sehen. Dann 10 Monate Freiheitsentzug bekommen. Dafür das ich im Zug saß, im Grenzgebiet war. Danach war nichts mehr unbeschwert. Nur noch Wut Rebellion, die sich in vielfältiger Weise Bahn brach. Die ich dann aber ab Anfang 89 konstruktiv, auch für all die anderen, die keinen Mut mehr hatten, verwandte.
Ich redete mit vielen Menschen. Manchmal offen, meist aber heimlich,im verborgenen.
Ich stellte ihnen die Frage: -die einige jahre später in den Kino's vielen machtvoll in den ohren klang-"Was habt ihr zu verlieren,wenn nicht eure Freiheit"(Auch ein Grund warum ich Breaveheart so liebe;o))
Viele verstanden mich nicht. Aber viel mehr, gingen waren dann ebenfalls dabei. Ob in Leipzig, bei der Erstürmung des Stasigebäudes in einer Nachbarstadt.
Und was ich am meisten bewunderte, war, das diese Menschen zum größten Teil Familien hatten und bereit waren alles zu riskieren.
Diesen Menschen,zu denen auch Jens gehört, gilt mein Dank. Dank, von einem der aus dem Westen kam, dort geboren wurde, und in vielen, lieben Menschen im Osten eine Heimat fand.

Laß dich umarmen Strömling
und sei lieb gegrüßt
Geronimo

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18. Juni 2003 um 11:17

Schwieriges Thema
Hier ist also mal ein kommentar von einem "wessi".

sehr sehr schwieriges Thema finde ich das.
Musste gestern auch sehr oft an diese bewundersnwert mutigen Menschen denken, die ihr leben, ihre freiheit oder ihre lebensqualität aufs spielsetzten um für die uns selbstverständliche grenenfreiheit zu kämpfen.

ich war damals neuen jahre alt als die mauer fiel. nie werde ich diesen moment vergessen. da meine schwester nach berlin gezogen ist als ich fünf war, hatte ich kontakt mit der ddr. ich bin mehrmals mit bus oder auto durchgefahren und war auch öfter mit meinen eltern "drüben". und ich kann mich nur erinnern, dass ich es jedesmal furchtbar fand und ganz schreckliche angst hatte. dort hat selbst mein vater, alles andere als ein ängstlicher mensch, mich nicht von seiner hand gelassen. ich fürchtete den moment wenn der zug anhielt und die soldaten mit den schäferhunden den zug absuchten. ich habe es gehasst. ich habe es auch als ganz ganz schrecklich gefunden, dass, wenn man mit dem auto bis nach berlin fuhr, alle paar meter diese schrecklich beängstigen wachtürme standen.

für mich bedeutete die ddr damals nur einschüchterung und angst.

dann viel die mauer und ich war froh, dass es endlich vorbei war. worum es genau ging das habe ich erst viel viel später verstanden. wenn ich es überhaupt bisher verstanden habe, schliesslich gab es in meinem leben nicht viel, und schon gar nicht von solcher bedeutung, um das ich kämpfen musste.

und ich wurde älter. Ostdeutschland war immer noch da drüben, der osten oder die ddr. Und so leid es mir manchmal tut, ich werde nie anders darüber reden. für mich ist der osten der osten. aber, und das sage ich dir ganz im ernst, ich meine das nicht böse. für mich ist auch bayern das deutsche ausland. man sagt das so ohne weiter drüber nachzudenken.

und die ossi witze........warum nicht drüber lachen? ich lach auch über mantafahrer-, ostfriesen-, männer-, frauen-, blondinen- und was auch immer für witze (wenn sie gut sind)

Es kann allerdings auch niemand abstreiten, dass die Menschen im Osten anders sind, als die im Westen. Vielleicht fängt das mit den jetzt heranwachsenden Generationen an nicht mehr zu sein, aber man ist halt anders aufgewachsen, anders erzogen worden und hatte ganz ander ansprüche und erwartugen vom leben.

ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man beobachtet wird, wenn man jahre auf ein auto wartet, wenn man nicht nach spanien fahren kann, wenn man keine banenen essen kann...........wie soll ich dann so denken wie jemand, der in der ddr aufgewachsen ist? das geht doch gar nicht!

ich war über zwei jahre mit meinem ex freund zusammen, in der ddr geboren, in der ddr aufgewachsen. und ich kann nur sagen, es gibt unterschiede. seine kindheit unterschied sich von meiner. es wurde auf andere dinge wert gelegt, andere dinge gelehrt, und so weiter.

ich mein das hier alles nicht böse. eher ganz im gegenteil. ich muss dir sagen, dass ich sehr beeindruckt bin von der stärke und der konsequenz mit der die ddr bürger für ihre freiheit gekämpft haben.

ich bin aber auch fasziniert von den politikern die über jahre hinweg dafür gekämpft haben, dass deutschland wieder eins wird. dabei war es doch so unvorstellbar.

und wenn jemand "einer aus der zone" zu dir sagt, dann muss das nicht zwangsweise böse gemeint sein. ich hätte das auch sagen können, und ich will mit sicherheit nicht herablassend sein.

der Prozess bis deutschland eins werden wird, der wird wohl noch etwas andauern.

die mauer steht zwar nicht mehr, aber in den köpfen ist sie wohl noch da, ob man das wahr haben möchte oder nicht. aber es wird zusammen wachsen. das hoffe ich zumindest. davon gehe ich aus. auch wenn ich über ossi-witze lache, wenn sie gut sind.


Ich hoffe nur, ich konnte mich eingermassen klar ausdrücken, nicht dass sich hier jemand auf den schlips getreten fühlt. sollte ich an irgendeiner stelle etwas geschrieben haben, was jemanden aufstösst, dann bitte was dazu schreiben.

das ist nämlich ein thema, was mit vielen gefühlen verbunden ist, von denen ich nicht weiss, ob ich sie in worte packen kann.

auf jeden fall allen noch einen schönen tag!

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18. Juni 2003 um 18:51

Auch ich...
... komme aus dem "Osten". Bin dort geboren und habe meine Kindheit dort sehr genossen! Es íst noch immer meine Heimat. Auch wenn ich seit fast 14 Jahren nicht mehr dort wohne. Wir sind geflüchtet, meine Familie und ich. Ich war 12. 2 Tage vor dem Mauerfall.

Trotzdem erinner ich mich noch gern an die alte Zeit. Unbeschwertes Spielen auf der Strasse, bis spät abends am Strand, 8 Wochen Ferien. Westpakete die gut riechen, etwas geschenkt bekommen zu haben, was andere NIE haben werden. Oder für 50 Mark ein Doppelposter von Michael Jackson ergattern. Eine Freundin hat sich eine Plastiktüte für 10 Mark gekauft!

Habe über das Granaten werfen eigentlich nie nachgedacht. Es war halt so. Naja, ich war auch noch nicht 14. Uns 11jährigen hat man es nicht erklärt. Zumindest erinner ich mich nicht daran.

Auch ans Altpapier wegbringen kann ich mich erinnern. Zero-Station zu dieser alten Hexe die Flaschen und Zeitungen mit dem Bollerwagen bringen. Und wehe die Metallringe waren nicht ab!

Wenns mal Melonen gab, sprach es sich sehr schnell rum, Wir Kinder im Dauerlauf, die Blümchenbeutel flatterten im Wind, zur Kaufhalle. Bestimmt 2 Stunden anstehen. Und trotzdem. Ich erinner mich gerne daran.

Im Westen angekommen, Bundeswehrlager. Jeder eine Tasche. Neu anfangen. Schulbesuch-man hängt auf Kinderspielplätzen ab, langweilt sich zu Tode. Nichts los hier. Wird wegen seiner Aussprache belächelt, Englischkenntnisse? Russisch?! Wofür? Nachhilfekurs. Hinter dem Rücken wurde gelästert.

Ich habe mir nach der Schule angewöhnt, niemandem davon zu erzählen, dass ich aus dem Osten komme. Mir wurde vorgeheult, wie schlecht doch die Ossis sind, können nicht arbeiten, haben keinen Geschmack, nehmen die Arbeitsplätze weg. Einer behauptete mal, nur die im Westen würden den Soli-Zuschlag zahlen. Ich konnte da nur mit dem Kopf schütteln. Habe mich dann "geoutet", das war denen vielleicht peinlich. Es wurde natürlich gleich alles heruntergespielt.

Ich werde irgendwann wieder zurück gehen.

Danke, Stromer für die Erinnerung!

Penelopp

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18. Juni 2003 um 20:12

Tja, was kann mich
als Französin dazu veranlassen, mich zu diesem schwierigen Thema zu äußern ?

Der Osten war für uns hier eine andere Welt, die wir nicht kannten und über die wir so gut wie nichts wussten. Und für die wir uns auch kaum interessierten. Man kannte schon ab und zu jemanden, der hierzulande in der kommunistischen Partei war, der ab und zu mal Ferien in der DDR verbrachte und dann schwärmend zurückkam. Aber sonst... Leute aus den Ostländern kannte man hier keine.

Als Deutschlehrerin war ich nach dem Mauerfall natürlich sehr neugierig und bin zwei Mal hintereinander "rüber" gefahren... Augen und Ohren so weit auf wie nur möglich. Ich habe sehr schöne Landschaften entdeckt, auch nette Leute, mit denen ich hier und da, manchmal mitten auf der Straße, ins Gespräch kam... ich hatte keine besonderen Vorurteile und ließ mich einfach überraschen und begeistern.

Dann habe ich ein Jahr in Sachsen gelebt... Am 3. Oktober 1999 stand ich in Plauen mitten unter einer kleinen Menschenmenge und saß dann in einem großen Saal, wo Leute über ihre Ängste, ihre Aktivitäten, ihre Hoffnungen von damals berichteten... ein kleines Stück Geschichte kam mir an diesem Abend entgegen. Ich war zutiefst bewegt und beeindruckt.

Tja, das sind so meine "mageren" Erinnerungen. Einen ganz lieben Gruß schicke ich nach drüben. Bleibt so lieb und so herzlich, wie ich euch in Erinnerung habe !

Chantal

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18. Juni 2003 um 21:59
In Antwort auf lynne_12661553

Servus stromer!
welche "beziehung" "verbindung" hat pain die österreicherin zur ehemaligen ddr? was veranlasst sie, sich in diesem beitrag zu melden? ich wills dir (euch) sagen...

zum einem war meine jugendfreundin aus der tschechoslowakei und ich bekam mit, welchen preis ihre eltern, deren angehörige und auch sie für die flucht zahlen mussten...

zum anderen diese geschichte:

eine liebe freundin von mir, die ich in innsbruck kennenlernen durfte, kam aus der ehemaligen ddr... sie hat knappe sechs jahre in innsbruck gelebt... nun ist sie seit fast zwei jahren wieder "zu hause" (nähe werdau)...

oft sind wir zusammengesessen und haben über ihre vergangenheit geredet... besser gesagt - sie hat geredet, ich hab zugehört... oft lief mir kalter schauer über den körper... teils von den den erzählungen, teils von den schäden, die die stasi"erziehung" angerichtet hat...

als regegnerin landete sie mit 16 (!!!!) zum ersten mal in der geschlossenen psychiatrie... nach der entlassung war sie nicht lange in freiheit... wieder konnte sie ihren mund nicht halten... wieder sagte sie laut in der öffentlichkeit, was viele dachten... diesmal gab es die steigerung der geschlossenen psych... umerziehung wurde es genannt... und man versuchte mit allen mitteln sie umzuerziehen... es gelang nicht... aber man schaffte, dass diese starke, intelligente persönlichkeit zum psychischen wrak wurde, dass unter verfolgunswahn und persönlichkeitsstörungen leidet und zu hoher wahrscheinlichkeit nicht therapierbar ist...

momentan hab ich wieder keinen kontakt zu ihr, da sie sich wieder (zum dritten mal in den vergangenen zwei jahren) selbst in die geschlossene einweisen lies, weil sie mit dem leben nicht zurecht kommt und sorge hat, dass sie ihr kind und sich ins jenseits befördert, weil sie darin die einzige lösung ihrer qualen sieht... nach wie vor fühlt sie sich verfolgt und beobachtet... wen wunderts, war ihre mutter und ihr onkel ein hohes stasitier, die selbst vor den engsten familienangehörigen nicht halt machten.................

meine freundin hat immer für die freiheit gekämpft... zwar hat sie nicht mit dem leben, gleichwohl aber mit der lebensqualität und ihrer psyche bezahlt... wenn man es genau betrachtet, kann man sagen, dass die frau von damals starb aber zum weiterleben verurteilt wurde...

würde es mehr menschen mit courage geben, dann würde mancher kampf schneller zu gewinnen sein... wäre manches unrecht schneller abzustellen... aber was hat man vom wenn..............

meine anerkennung gehört denen, die sich wehren... die bereit waren und sind, ihr leben und dessen qualität für die freiheit und contra gewalt aufs spiel zu setzen... mit dem wissen, dass sie verlieren können... dass sie mit dem größten besitz (ihrer psyche und ihrem leben) "russisch roulette" spielen...

weiters gehört meine anerkennung denen, die überlebt haben, obwohl sie andere vorstellungen hatten... unter diesen bedingugen kann man niemandem zum vorwurf machen, dass er sich nicht gewehrt hat... dass er nicht bereit war, diesen preis zu zahlen... denn ehrlich... wie viele von uns würden diesen preis wissentlich bezahlen wollen? wer von uns ist so ein kämpfer und so ein zocker? ich kann für mich diese frage nicht beantworten... ich bin (zum glück!) unter anderen bedingungen aufgewachsen und mir wurde gelehrt mich zu wehren... hätte ich die courage, wenn ich eine andere (radikale) erziehung genossen hätte? ich weiß es nicht... ich weiß nicht, ob ich ein unglücklicher kuscher, oder ein rebell gewesen wäre... ob ich halbwegs unbeschadet aus dieser zeit rausgekommen wäre, oder ob ich das los meiner freundin gezogen hätte...............

traurig machen mich die ossi"witze", die kursieren... ich kann nicht darüber lachen... ich kann nur dankbar und froh sein, nicht in dieser, mir fremden welt geboren worden zu sein!

liebe grüße, pain

Ja Pain ...
Viele wurden "gebrochen" und starben lebendig.
Die Stasi macht vor nichts halt. Vor gar nichts.
Ich weiß von einem zum Tode verurteilten. Er durfte einen Abschiedbrief schreiben. Er schieb in an die Mutter... Sie bekam ihn 10 Jahre später, nach dem Fall der Mauer. Sie hoffte bis zuletzt ihren Sohn wieder zusehen.
Er wurde im Stasi Keller erschossen ...

Ein Beispiel für unzählige Verbrechen.
Mütter wurden von Kindern getrennt, wenn sie "laut" wurde. Menschen wurden von der Arbeitsstelle abgeholt, weil sie "Kritik" zu laut übten. Und oft verschwanden sie über Jahre und den Familien erzählte man furchtbare Lügengeschichten ... er war ein Verräter und hat euch im Stich gelassen ...

Alles war möglich. Aber es verschweißte auch die Menschen auf besondere Weise. Nicht so Ellenbogenhaft wie heute.

Keiner will es zurück, aber niemand der normalen Menschen hier, muss sich schämen.

Und trotzdem gewinne ich bis heute oft den Eindruck, dass es nahezu von mir erwartet wird.

Nur wird es nie geschehen ... und so schwimme ich heute wieder gegen den Strom. Nur ein anderer ...

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18. Juni 2003 um 22:38
In Antwort auf GeronimosLiebe

Hey Gefährte ;o)
Denn irgendwie bist du es. Denn auch ich gehörte in Leipzig zu denen, die sich in der Nikoleikirche und heimlichen Treffpunkten zusammenfanden. Die,die sich auf den Straßen dicht zusammendrängten um keinen Platz für Leute zu lassen die es sich zum Ziel gesetzt hatten das Motto der Gewaltlosigkeit zu torpedieren um einen Grund zu haben die tödliche Maschinerie in Bewegung zu setzen.Immer voller Angst verhaftet zu werden. Und bei mir hatte die Angst ein Gesicht. Ich kannte sie nämlich schon. Ich lernte sie als 17-jähriger nach einem Fluchtversuch kennen.
Stundenlange Verhöre,Schläge und das Erwachen am nächsten Nachmittag und im Spiegel ein blutiges,formloses etwas zu sehen. Dann 10 Monate Freiheitsentzug bekommen. Dafür das ich im Zug saß, im Grenzgebiet war. Danach war nichts mehr unbeschwert. Nur noch Wut Rebellion, die sich in vielfältiger Weise Bahn brach. Die ich dann aber ab Anfang 89 konstruktiv, auch für all die anderen, die keinen Mut mehr hatten, verwandte.
Ich redete mit vielen Menschen. Manchmal offen, meist aber heimlich,im verborgenen.
Ich stellte ihnen die Frage: -die einige jahre später in den Kino's vielen machtvoll in den ohren klang-"Was habt ihr zu verlieren,wenn nicht eure Freiheit"(Auch ein Grund warum ich Breaveheart so liebe;o))
Viele verstanden mich nicht. Aber viel mehr, gingen waren dann ebenfalls dabei. Ob in Leipzig, bei der Erstürmung des Stasigebäudes in einer Nachbarstadt.
Und was ich am meisten bewunderte, war, das diese Menschen zum größten Teil Familien hatten und bereit waren alles zu riskieren.
Diesen Menschen,zu denen auch Jens gehört, gilt mein Dank. Dank, von einem der aus dem Westen kam, dort geboren wurde, und in vielen, lieben Menschen im Osten eine Heimat fand.

Laß dich umarmen Strömling
und sei lieb gegrüßt
Geronimo

*Geronimo*
Du hast viel erlebt. Du hast einen hohen Preis zahlen müssen. Einen, vor dem sich hier ja jeder gefürchtet hat. Ich habe keine Steine auf Panzer geworfen. Ich habe keine Gebäude erstürmt. Aber ich war draußen und wir standen mit erhobenen Fäusten gegen Polizei und Armee. Jeder wusste was wenige Zeit vorher in China geschah und es war bekannt, dass das Chinesische Prinzip auch hier angewand werden sollte.

Aber es wehrten sich auch viele auf der anderen Seite. Einige Sowjetische Soldaten bekammen die Todesstrafe, als sie sich weigerten die Waffe gegen die Demonstranten hier in Leipzig zu erheben. Sie wurde vollstreckt ...

Ich selber bekam in diesen Oktobertagen die Einberufung zur Armee *Mobilisierung*. Ich war in der Ostarmee bei der SAS (einer etwas besser ausgebildetet Einsatz Truppe). Man dachte wohl, ich eigne mich dann gut den Staat zu retten. Glücklicherweise wurde das ganze 2 Tage später per Brief wieder aufgehoben. Ich hätte nicht gewusst was ich machen soll.

Du musst mir nicht danken. Dafür hat es keiner getan. Wir wollten nur frei sein ...

Liebe Grüße an Dich und Deine Liebste.
Lass Dich mal lieber von ihr drücken, da stört kein Besen

Also Bye Du alter Ganove *fg*

Ach PS: Musstest Du Dein neues Auto schon oft schieben? :-P

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18. Juni 2003 um 22:58
In Antwort auf piper_11946753

Schwieriges Thema
Hier ist also mal ein kommentar von einem "wessi".

sehr sehr schwieriges Thema finde ich das.
Musste gestern auch sehr oft an diese bewundersnwert mutigen Menschen denken, die ihr leben, ihre freiheit oder ihre lebensqualität aufs spielsetzten um für die uns selbstverständliche grenenfreiheit zu kämpfen.

ich war damals neuen jahre alt als die mauer fiel. nie werde ich diesen moment vergessen. da meine schwester nach berlin gezogen ist als ich fünf war, hatte ich kontakt mit der ddr. ich bin mehrmals mit bus oder auto durchgefahren und war auch öfter mit meinen eltern "drüben". und ich kann mich nur erinnern, dass ich es jedesmal furchtbar fand und ganz schreckliche angst hatte. dort hat selbst mein vater, alles andere als ein ängstlicher mensch, mich nicht von seiner hand gelassen. ich fürchtete den moment wenn der zug anhielt und die soldaten mit den schäferhunden den zug absuchten. ich habe es gehasst. ich habe es auch als ganz ganz schrecklich gefunden, dass, wenn man mit dem auto bis nach berlin fuhr, alle paar meter diese schrecklich beängstigen wachtürme standen.

für mich bedeutete die ddr damals nur einschüchterung und angst.

dann viel die mauer und ich war froh, dass es endlich vorbei war. worum es genau ging das habe ich erst viel viel später verstanden. wenn ich es überhaupt bisher verstanden habe, schliesslich gab es in meinem leben nicht viel, und schon gar nicht von solcher bedeutung, um das ich kämpfen musste.

und ich wurde älter. Ostdeutschland war immer noch da drüben, der osten oder die ddr. Und so leid es mir manchmal tut, ich werde nie anders darüber reden. für mich ist der osten der osten. aber, und das sage ich dir ganz im ernst, ich meine das nicht böse. für mich ist auch bayern das deutsche ausland. man sagt das so ohne weiter drüber nachzudenken.

und die ossi witze........warum nicht drüber lachen? ich lach auch über mantafahrer-, ostfriesen-, männer-, frauen-, blondinen- und was auch immer für witze (wenn sie gut sind)

Es kann allerdings auch niemand abstreiten, dass die Menschen im Osten anders sind, als die im Westen. Vielleicht fängt das mit den jetzt heranwachsenden Generationen an nicht mehr zu sein, aber man ist halt anders aufgewachsen, anders erzogen worden und hatte ganz ander ansprüche und erwartugen vom leben.

ich kann mir nicht vorstellen, wie es ist, wenn man beobachtet wird, wenn man jahre auf ein auto wartet, wenn man nicht nach spanien fahren kann, wenn man keine banenen essen kann...........wie soll ich dann so denken wie jemand, der in der ddr aufgewachsen ist? das geht doch gar nicht!

ich war über zwei jahre mit meinem ex freund zusammen, in der ddr geboren, in der ddr aufgewachsen. und ich kann nur sagen, es gibt unterschiede. seine kindheit unterschied sich von meiner. es wurde auf andere dinge wert gelegt, andere dinge gelehrt, und so weiter.

ich mein das hier alles nicht böse. eher ganz im gegenteil. ich muss dir sagen, dass ich sehr beeindruckt bin von der stärke und der konsequenz mit der die ddr bürger für ihre freiheit gekämpft haben.

ich bin aber auch fasziniert von den politikern die über jahre hinweg dafür gekämpft haben, dass deutschland wieder eins wird. dabei war es doch so unvorstellbar.

und wenn jemand "einer aus der zone" zu dir sagt, dann muss das nicht zwangsweise böse gemeint sein. ich hätte das auch sagen können, und ich will mit sicherheit nicht herablassend sein.

der Prozess bis deutschland eins werden wird, der wird wohl noch etwas andauern.

die mauer steht zwar nicht mehr, aber in den köpfen ist sie wohl noch da, ob man das wahr haben möchte oder nicht. aber es wird zusammen wachsen. das hoffe ich zumindest. davon gehe ich aus. auch wenn ich über ossi-witze lache, wenn sie gut sind.


Ich hoffe nur, ich konnte mich eingermassen klar ausdrücken, nicht dass sich hier jemand auf den schlips getreten fühlt. sollte ich an irgendeiner stelle etwas geschrieben haben, was jemanden aufstösst, dann bitte was dazu schreiben.

das ist nämlich ein thema, was mit vielen gefühlen verbunden ist, von denen ich nicht weiss, ob ich sie in worte packen kann.

auf jeden fall allen noch einen schönen tag!

Hallo quelleacht
Ach was denkst Du denn?
Klar verstehe ich Dich und hast auch sicher niemanden auf den Schlips getreten.

Denn Du hast völlig Recht. Du bist eben anders aufgewachsen.
Mag sein, dass die Mauer in den Köpfen noch existiert. Aber man würfelt Menschen zusammen, die doch so verschieden sind.
Auch bei mir fehlte Verständnis, denn einzige Erfahrung die ich hatte, waren negativ Begegnungen.

Heute sieht es anders aus. Hier im Forum lernte ich Menschen "aus den gebrauchten Ländern ) kennen und viele sind heute Freunde.

Die Welt im Osten war anders als im Westen. Aber sie war nicht in allen Dingen schlechter.
Genug ist auch heute von Westdeutschland mit übernommen worden.

Manchmal so wie die Menschen.

Liebe Grüße an Dich
Stromer

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19. Juni 2003 um 10:17

Noch'n Wessi
Hallo Stromer

Schwieriges Thema, das Du Dir da rausgesucht hast.

Ich habe erst nach der Wende "Ossis" kennengelernt.
Vorher kannte ich die DDR nur aus den Medienberichten und aus dem Geschichtsunterricht. Und so im Nachhinein staune ich nicht schlecht, und schüttle nur den Kopf darüber, was der Staatsapparat tatsächlich gemacht hat, wo man im Westen so wenig bis gar nichts erfahren hat.

Das einzigste Mal, dass ich vor der Wende im Osten war, war 1988 während der Abschlussfahrt, die wir nach Berlin gemacht hatten. Da stand unter anderem ein Tag im Ostteil der Stadt auf dem Programm.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass uns unsere Lehrer eingebläut hatten, keine Gebäude zu fotografieren, wo Soldaten darauf zu sehen waren, unser ganzes Geld, welches zwangsumgetauscht worden ist auszugeben, da man es nicht mit in den Westen nehmen durfte und das wir ganz allgemein unsere Zunge im Zaum halten sollten.

Auch erinnere ich mich noch an die miefige U-Bahn Station am Checkpoint Charlie , wo wir fast 1 Stunde warten mussten, bis wir "rüber" durften und als wir gesammelt zurückgegangen sind nochmal mindestens genauso lange.

Ich bin mir damals in Ostberlin vorgekommen, wie in einer anderen Welt. Im Westteil pulsierte das Leben und im Ostteil war alles ruhig, leer, diszipliniert und die vielen Soldaten vor manchen Gebäuden wirkten unheimlich und beängstigend.

Ich war an diesem Tag froh, als ich wieder im Westteil der Stadt war.

Wie einfach und "gefährlich" das Leben im Osten tatsächlich war, habe ich erst nach der Wende so richtig verstanden, als ich mich öfters mit Arbeitskollegen unterhalten hatte, die aus dem Osten kamen, bzw. was Du mir erzählt hast und als ich bei Bekannten und Verwandten meines Exfreundes zu Besuch war .

Ich habe die Menschen dort sehr zu schätzen gelernt, auch wenn ich am Anfang etwas "komisch" beäugt worden bin, da ich ja aus dem tiefsten Südwesten komme und dazu noch eine lustige Aussprache habe. Doch habe ich es nie zu spüren bekommen, dass ich ein "Besserwessi"(so hat man uns ja damals genannt) war. Ich wurde einfach als Mensch aufgenommen und akzeptiert.

Auch ich ziehe vor den vielen Menschen den Hut, die für ihre Freiheit demonstriert oder ihr Leben gelassen haben.
Trotz allem hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich im Osten zu der Zeit hätte leben wollen. Ich bin dankbar, dafür, dass ich schon von anfang an diese Freiheit genießen durfte.

Und doch denke ich, wäre ein anderer Politiker als Gorbatschow damals an der Macht gewesen und hätte es innerhalb des DDR Staatsapparats keine ?Verständigungsschwierigkeiten? gegeben, hätte auch diese Demonstration wie so viele Andere ein blutiges Ende gefunden.

Liebe Grüße
Buffy

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19. Juni 2003 um 19:00
In Antwort auf maud_12699340

Noch'n Wessi
Hallo Stromer

Schwieriges Thema, das Du Dir da rausgesucht hast.

Ich habe erst nach der Wende "Ossis" kennengelernt.
Vorher kannte ich die DDR nur aus den Medienberichten und aus dem Geschichtsunterricht. Und so im Nachhinein staune ich nicht schlecht, und schüttle nur den Kopf darüber, was der Staatsapparat tatsächlich gemacht hat, wo man im Westen so wenig bis gar nichts erfahren hat.

Das einzigste Mal, dass ich vor der Wende im Osten war, war 1988 während der Abschlussfahrt, die wir nach Berlin gemacht hatten. Da stand unter anderem ein Tag im Ostteil der Stadt auf dem Programm.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass uns unsere Lehrer eingebläut hatten, keine Gebäude zu fotografieren, wo Soldaten darauf zu sehen waren, unser ganzes Geld, welches zwangsumgetauscht worden ist auszugeben, da man es nicht mit in den Westen nehmen durfte und das wir ganz allgemein unsere Zunge im Zaum halten sollten.

Auch erinnere ich mich noch an die miefige U-Bahn Station am Checkpoint Charlie , wo wir fast 1 Stunde warten mussten, bis wir "rüber" durften und als wir gesammelt zurückgegangen sind nochmal mindestens genauso lange.

Ich bin mir damals in Ostberlin vorgekommen, wie in einer anderen Welt. Im Westteil pulsierte das Leben und im Ostteil war alles ruhig, leer, diszipliniert und die vielen Soldaten vor manchen Gebäuden wirkten unheimlich und beängstigend.

Ich war an diesem Tag froh, als ich wieder im Westteil der Stadt war.

Wie einfach und "gefährlich" das Leben im Osten tatsächlich war, habe ich erst nach der Wende so richtig verstanden, als ich mich öfters mit Arbeitskollegen unterhalten hatte, die aus dem Osten kamen, bzw. was Du mir erzählt hast und als ich bei Bekannten und Verwandten meines Exfreundes zu Besuch war .

Ich habe die Menschen dort sehr zu schätzen gelernt, auch wenn ich am Anfang etwas "komisch" beäugt worden bin, da ich ja aus dem tiefsten Südwesten komme und dazu noch eine lustige Aussprache habe. Doch habe ich es nie zu spüren bekommen, dass ich ein "Besserwessi"(so hat man uns ja damals genannt) war. Ich wurde einfach als Mensch aufgenommen und akzeptiert.

Auch ich ziehe vor den vielen Menschen den Hut, die für ihre Freiheit demonstriert oder ihr Leben gelassen haben.
Trotz allem hätte ich mir nie vorstellen können, dass ich im Osten zu der Zeit hätte leben wollen. Ich bin dankbar, dafür, dass ich schon von anfang an diese Freiheit genießen durfte.

Und doch denke ich, wäre ein anderer Politiker als Gorbatschow damals an der Macht gewesen und hätte es innerhalb des DDR Staatsapparats keine ?Verständigungsschwierigkeiten? gegeben, hätte auch diese Demonstration wie so viele Andere ein blutiges Ende gefunden.

Liebe Grüße
Buffy

Sunni
Ja, auch Du kennst es kaum oder nur vom hören/sagen.
Du warst ja auch zu der Zeit noch "Quark im Schaufester"

Ja, Du hast Recht und hier spreche ich auch aus reiner Erfahrung. Ohne Gorbatschow wäre es blutig niedergeschlagen worden. Und auch ein Krieg wäre nicht undenkbar in den Köpfen derer gewesen, die mit Hass und Waffen nach Westen schauten.
Was wäre wenn, darüber haben wir beide ja auch schon gesprochen. Und sicher hätten Männer in Ost und West nicht viele Möglichkeiten gehabt. Wie Vieh aufeinander gehetzt, den anderen zerfetzt, um nicht selbst zu sterben.
Zum Glück kam es am Ende nicht dazu ... aber es war knapp, glaube mir das. Die Zeit sprach dagegen und mehr und mehr brach hier zusammen.
Niemand in der Führung hier wie in Russland hätte geduldet, dass der Sozialismus wirtschaftlich gescheitert wäre. Lieber brennende Erde überall hinterlassen. Dann hat niemand gewonnen und sie hätten immer noch den Sozialismus "siegen" lassen. Aber der Wohlstand im Westen wäre auch vernichtet. Diese Köpfe waren so irrsinnig wie unberechenbar.

Trotzdem wende ich auch bei Dir etwas ein.

Es klingt oft, als wäre das hier die lebendige Hölle gewesen. Zum Teil stimmt das, zum anderen nicht. Denn bei "euch" ist es nur anders aber auch nicht viel besser.
Kein Mensch bangte hier um den Arbeitsplatz. Den hast Du auf Lebzeit sicher gehabt und hat er Dir nicht gefallen, war ein Wechsel in einen anderen Job nahezu problemlos. Selbst ohne Fachabschluss oder Vorkenntnisse wurdest Du fast überall eingestellt und bekamst die Möglichkeit, während der bezahlten Arbeitszeit, den Facharbeiter kostenlos nachzuholen.
Die Kinderbetreuung war absolut okay. Überall Kindergärten und Kinderhorte, wo man bleiben konnte bis die Eltern von der Arbeit kamen. Das Essen kostest, wie die Unterbringung sehr wenig. Es gab Ferienlager, wo Kinder in den Schulferien viel erleben konnten. Sicher alles kommunistisch angehaucht mit Morgenappell und so blödes Zeug, aber das war nur ein paar Minuten und dann ging es baden oder zum Neptunfest oder zur Schnipseljagd durch den Wald.

Dann auch viele alltägliche Dinge. Sozialer Abrutscht war nahezu unmöglich.

Heute überall und damals bei euch regierte das Geld, die Habgier und Egoismus. Wer Geld hat, bekommt alles. Wohlstand und Schönheit im Spiegel der "Dollarnote". Wer was hat, war wer. Wer nichts hat ist "unten". Bei uns hatten alle irgendwie gleich viel Geld. Wenig eben. Man bastelte und baute aus Mist Gold. Jeder hatte Ideen und man half sich öfter als heute.
Die Menschen untereinander gingen viel persönlicher miteinander um. Man half sich einfach mehr.

Heute ist sich jeder selbst der nächste. Neid und Missgunst regieren die Menschen. Die Türen schließen sich. Verbrechen steigen.

Man konnte "früher" problemlos Mitternacht durch den Wald laufen, heute undenkbar leichtsinnig. Zumindest hier bei mir.

Werte verschwinden, Zerstörung hält Einzug.

Verstehst Du was ich meine?
Ich will nichts zurück, aber das jetzt wollte auch niemand. Es ist das gleiche und doch anders. Menschen verlieren so wie früher. Nur anders. Rechts und Links, Schwarz und Weiß.
Keins ist besser.

Darum Sunny bin ich auch nicht unglücklich hier gelebt zu haben und kann mir im Gegenzug Deine Kindheit weniger vorstellen.
Beide sind wir so unterschiedlich aufgewachsen wie Fisch und Vogel und doch war keins von beiden wirklich Gold. Wir waren Kinder in zwei verschiedenen Gärten mit Schatten und Sonne.

Die 80' Jahre waren die besten meines Lebens. Sie waren nicht einfach, aber lehrreich und ich war auf meine Art hier glücklich ohne Politik.
Und am Ende war ich Stolz den Käfig mit aufgestoßen zu haben. Nicht aber als Bettler verkauft worden zu sein, an eine Erde die auch genügend Schatten trägt.

Liebe Grüße und ein Kuss für Dich
Bye, Stromer

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19. Juni 2003 um 19:46

Gedanken eines "Wossis"
diese Bezeichnung hat mir mein Vater mal gegeben.sie ist humorvoll gemeint.

Ich war 14 als die Wende kam, heute bin ich 28, habe aber die erste Hälfte meines Lebens in der DDR verbracht.

Ich lebte in einer Kleinstadt, hier nahm man Bespitzelung oder Gefahr nicht so wahr wie z.B. in Berlin. Meine Eltern waren zwar nicht in der Partei, aber auch keine Regimegegner oder sowas. Mein Vater genoß es allerdings in seine Büttenreden beim Karneval kleine feine Spitzen einzubauen.

Bei uns zu hause wurde recht offen gerdet, auch politische Witze wurden gemacht. Ich lernte allerdings schon sehr früh, wo ich offen reden darf und wo nicht, nämlich als ich mit 4Jahren im Kindergarten rumposaunte, Biene Maja sei meine Lieblingssendung und Erich Honecker als den Bundeskanzler bezeichnete .
Die Kindergärtnerin sagte darauf zu meinen Eltern, daß weis, daß jeder Westfernsehen guckt, sie würde auch gucken, aber sie sollen mir klar machen, daß ich nicht zuviel darüber rumerzählen soll.

Ich hatte eine normale DDR Kindheit mit nervigen Dingen wie Fahnenappel, Handgranatenweitwurf, marschieren beim Sport, aber auch schönen Dingen. Die nervigen Dinge nahm man in den Kauf und entschärfte sie ein bißchen, indem man z.b. beim Fahnenappell rumalberte. Ich habe mir mit einem Kumpel einen Tadel eingefangen, weil wir ein Honecker-Bild mit Quarkspeise beschosssen.

Im großen und ganzen waren wir normale Kinder mit viel Blödsinn im Kopf.

Die Highlights waren die "Auslandsurlaube", die ich mit meinen Eltern machte, d.h. alle 3-4J Ungarn oder CSSR. Gerade Ungarn war ein Stück Freiheit, Coca Cola und schicke Kleidung. Für uns war dieses Urlaub sehr Teuer und es war schon etwas deprimierend Östereicher und Westdeutsche (für die wars absolut billig)in Kneipen ihre Sozi verprassen zu sehen (so hat es wirklich mal einer ausgedrückt), während wir und kaum eine Suppe leisten konnten.
Unser letzter Ungarnurlaub war 1989 als alle flüchteten. Für uns kaum Flucht nicht in frage. Wir hatten ein Haus und meine 85-jährige Oma zu hause. Die Rückfahrt war deprimierend, ich hatte Angst, daß letzte mal ein anderes Land gesehen zu haben als die DDR.

Dann kam die Wende, alles war neu, alles war aufregend, aber nicht alles war schön. Meine Mutter wurde arbeitslos und bekam Depressionen, ob mein Vater seine Arbeit behält, war unsicher. Wir lernten zum ersten mal in unserem leben Existenzängste kennen.

1993 machte ich mit 18 mein Abitur und ging nach Braunscheig, also in den Westen. Ich wollte eigentlich nicht in den Westen, weil meine bisherigen Erlebnisse mit Wessis eher unerfreulich waren. Da ich aber ein sehr exotisches Fach studieren wollte (ich wechselte allerdings nach 4Semestern in ein normales fach), blieb mir nicht anderes übrig.

Ich hatte große Ängste vor den "Wessis", aber ich wurde positiv überrascht. Sicher ein paar Idioten gibt es immer (mich hat allen Ernstes mal jemand gefragt, ob wir Rotwein mit waschpulver getrunken haben), aber die meisten sind sehr nett und ich habe gute Freunde unter den Wessis gefunden.
Mein Freund ist auch Wessi. Wenn jemand in seiner Gegenwart Ossi-Witze reist, möchte er ihn am liebsten zum Duell rausforden, während es mir inzwischen ziemlich am A.. vorbei geht, naja nicht ganz, so ähnlich wie frauenfeindliche Witze finde ich sie einfach nur blöd. Den Begriff Zone finde ich allerdings furchtbar. da hat für mich wirklich was abfälliges.

Wenn heute jemand mitkriegt, daß ich "Ossi" bin, kommt immer der Satz "Ehrlich, hätte ich nicht gedacht" (Man hört es bei mir nicht an der Sprache)
Ich frage dann manchmal, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein soll.

Ich fühle mich hier im Westen sehr zufrieden, will auch nicht unbedingt in den osten zurück, vor allem wegen der schlechten beruflichen Perspektiven.

Ich habe zwischendurch 1Jahr in England und Brasilien gelbt und auch dort ausländische Freunde gefunden.
Ich finde gerade unterschiedliche Lebensgeschichten Perspektiven und Kulturen machen das Leben interessant und sind eine Bereicherung.

LG

RedDevil

Meine Güte ist das ein wirrer Roman geworden und ich hätte noch mehr schreiben können.

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19. Juni 2003 um 20:08
In Antwort auf RedDevil1

Gedanken eines "Wossis"
diese Bezeichnung hat mir mein Vater mal gegeben.sie ist humorvoll gemeint.

Ich war 14 als die Wende kam, heute bin ich 28, habe aber die erste Hälfte meines Lebens in der DDR verbracht.

Ich lebte in einer Kleinstadt, hier nahm man Bespitzelung oder Gefahr nicht so wahr wie z.B. in Berlin. Meine Eltern waren zwar nicht in der Partei, aber auch keine Regimegegner oder sowas. Mein Vater genoß es allerdings in seine Büttenreden beim Karneval kleine feine Spitzen einzubauen.

Bei uns zu hause wurde recht offen gerdet, auch politische Witze wurden gemacht. Ich lernte allerdings schon sehr früh, wo ich offen reden darf und wo nicht, nämlich als ich mit 4Jahren im Kindergarten rumposaunte, Biene Maja sei meine Lieblingssendung und Erich Honecker als den Bundeskanzler bezeichnete .
Die Kindergärtnerin sagte darauf zu meinen Eltern, daß weis, daß jeder Westfernsehen guckt, sie würde auch gucken, aber sie sollen mir klar machen, daß ich nicht zuviel darüber rumerzählen soll.

Ich hatte eine normale DDR Kindheit mit nervigen Dingen wie Fahnenappel, Handgranatenweitwurf, marschieren beim Sport, aber auch schönen Dingen. Die nervigen Dinge nahm man in den Kauf und entschärfte sie ein bißchen, indem man z.b. beim Fahnenappell rumalberte. Ich habe mir mit einem Kumpel einen Tadel eingefangen, weil wir ein Honecker-Bild mit Quarkspeise beschosssen.

Im großen und ganzen waren wir normale Kinder mit viel Blödsinn im Kopf.

Die Highlights waren die "Auslandsurlaube", die ich mit meinen Eltern machte, d.h. alle 3-4J Ungarn oder CSSR. Gerade Ungarn war ein Stück Freiheit, Coca Cola und schicke Kleidung. Für uns war dieses Urlaub sehr Teuer und es war schon etwas deprimierend Östereicher und Westdeutsche (für die wars absolut billig)in Kneipen ihre Sozi verprassen zu sehen (so hat es wirklich mal einer ausgedrückt), während wir und kaum eine Suppe leisten konnten.
Unser letzter Ungarnurlaub war 1989 als alle flüchteten. Für uns kaum Flucht nicht in frage. Wir hatten ein Haus und meine 85-jährige Oma zu hause. Die Rückfahrt war deprimierend, ich hatte Angst, daß letzte mal ein anderes Land gesehen zu haben als die DDR.

Dann kam die Wende, alles war neu, alles war aufregend, aber nicht alles war schön. Meine Mutter wurde arbeitslos und bekam Depressionen, ob mein Vater seine Arbeit behält, war unsicher. Wir lernten zum ersten mal in unserem leben Existenzängste kennen.

1993 machte ich mit 18 mein Abitur und ging nach Braunscheig, also in den Westen. Ich wollte eigentlich nicht in den Westen, weil meine bisherigen Erlebnisse mit Wessis eher unerfreulich waren. Da ich aber ein sehr exotisches Fach studieren wollte (ich wechselte allerdings nach 4Semestern in ein normales fach), blieb mir nicht anderes übrig.

Ich hatte große Ängste vor den "Wessis", aber ich wurde positiv überrascht. Sicher ein paar Idioten gibt es immer (mich hat allen Ernstes mal jemand gefragt, ob wir Rotwein mit waschpulver getrunken haben), aber die meisten sind sehr nett und ich habe gute Freunde unter den Wessis gefunden.
Mein Freund ist auch Wessi. Wenn jemand in seiner Gegenwart Ossi-Witze reist, möchte er ihn am liebsten zum Duell rausforden, während es mir inzwischen ziemlich am A.. vorbei geht, naja nicht ganz, so ähnlich wie frauenfeindliche Witze finde ich sie einfach nur blöd. Den Begriff Zone finde ich allerdings furchtbar. da hat für mich wirklich was abfälliges.

Wenn heute jemand mitkriegt, daß ich "Ossi" bin, kommt immer der Satz "Ehrlich, hätte ich nicht gedacht" (Man hört es bei mir nicht an der Sprache)
Ich frage dann manchmal, ob das ein Kompliment oder eine Beleidigung sein soll.

Ich fühle mich hier im Westen sehr zufrieden, will auch nicht unbedingt in den osten zurück, vor allem wegen der schlechten beruflichen Perspektiven.

Ich habe zwischendurch 1Jahr in England und Brasilien gelbt und auch dort ausländische Freunde gefunden.
Ich finde gerade unterschiedliche Lebensgeschichten Perspektiven und Kulturen machen das Leben interessant und sind eine Bereicherung.

LG

RedDevil

Meine Güte ist das ein wirrer Roman geworden und ich hätte noch mehr schreiben können.

Hallo RedDevil
Du hast es wunderbar beschrieben. Ich entdecke viele gleiche Gedanken und Erlebnisse. Manchmal etwas wie Ostalgie, oder.

Ich finde sogar Du hast das beste Alter für die Wende erwischt. Irgendwie nicht zu jung und nicht zu alt.

Es ist schön zu lesen wie Dein Werdegang von Ost in die Welt (auch West) war. Auch ich musste umdenken und hab Freunde und Herzen im "Westen" gefunden.

Viel Glück für Deine Zukunft

Bye, Stromer

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20. Juni 2003 um 10:36

Hier schreibt ein Wessi, der einen Ossi
zur Mutter hat .

Meine Großeltern mütterlicherseits kommen aus dem wilden Osten , sind aber, nachdem ihnen ihr Landgut enteignet wurde, mit ihren vier Kindern in den Westen geflüchtet. Das war 1960.
Sie, die vormals Ländereien besaßen und finanziell für die damaligen Verhältnisse gut gestellt waren, hatten nur noch das, was sie am Leibe trugen (in mehrfach Schichten. Meine Oma sagte mal, sie hatten so viele Klamotten an, dass sie quasi über die Grenze gerollt sind...).

Sie kamen also im Westen an, hatten nichts und schlugen sich zunächst mit Gelegenheitsarbeiten durch; die Kinder waren noch zu klein zum arbeiten (14 4 Jahre alt). Irgendwann verschlug es sie nach Niedersachsen in ein kleines Dorf, mein Großvater, der es zwar gewohnt war, hart zu arbeiten, aber auch immer sein eigener Chef war, hatte Glück und konnte bei Volkswagen anfangen. Am Band. Er war nicht wirklich glücklich darüber, aber er hat in all den Jahren nicht gejammert, sondern sich stetig hochgearbeitet, und ganz nebenbei- ein Haus gebaut. Meine Oma hat, neben der Kindererziehung und einem riesigen Gemüsegarten, von dem wir noch heute profitieren, auch in einer Fabrik gearbeitet, um 1. das Haus mit zu finanzieren und 2. ihren Kindern eine gute Perspektive bieten zu können, indem sie nicht mit 14 zu Volkswagen ans Band mussten, um Geld zu verdienen und ihren Eltern nicht auf der Tasche zu liegen, sondern damit sie in aller Ruhe ihre Schule beenden und das lernen/studieren konnten, was sie wollten.
Einfach toll, meine Großeltern. Sie haben ihr Leben lang gearbeitet, aber bis heute (mein Opa ist leider tot) habe ich keine Klagen gehört.

Dann kam die Wende. Ich weiß noch ganz genau, dass ich in meinem Zimmer saß und las, während der Fernseher lief, als ich mit halbem Ohr hörte:....die Mauer ist gefallen.
Ich raste ins Wohnzimmer, wo meine Mutter wie ein hynotisiertes Karnickel vorm Fernseher saß, Mund offen, und ihr ganz langsam eine Träne aus dem Augenwinkel rann. Wir sind dann wie blöd im Wohnzimmer rumgehüpft und haben uns gefreut wie Bolle. DAS war ein wirklich erhebender Moment für mich. Bis dato wohl der bedeutendste nicht zuletzt, weil ich spürte, dass da etwas großes vor sich ging. In den Herzen.

Obwohl ich damals gerade 15 war, durfte ich mit meinen Freunden Silvester 89/90 in Berlin verbringen. Unvergesslich der Moment, wo wirklich ALLE ein Volk waren. Fremde Hände (Ossi-, Wessihände wen juckts: Wir sind ein Volk!!!) halfen mir auf die Mauer. Ich stand dort mit meinen Freunden, aber es kam mir so vor, als wären dort in diesem Moment alles meine Freunde gewesen! Man sah nur glückliche Gesichter, als es 12:00 Uhr schlug und das neue Jahr begann, fielen sich wildfremde Menschen in die Arme unbeschreiblich schön. Ich habe noch jetzt eine Mega-Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Das ist meine Erinnerung an diese Zeit. Klar habe ich mich schon über Ossis geärgert wer streitet sich nicht mal mit seiner Mutter aber es ist doch, wie in allen Bereichen des Lebens: es gibt solche und solche. (Mein Onkel, Wessi fuhr mal Manta DAS ist peinlich *g*.)

Ich bin froh, dass es so gekommen ist und hoffe, dass alle Deutschen irgendwann das empfinden, was ich auf der Berliner Mauer empfand: Wir sind ein Volk!

Sorry, dass es vielleicht pathetisch klingt, aber das sind nunmal meine Gedanken zu diesem Thema und ich bin wahrhaftig stolz darauf, den Mauerfall miterlebt zu haben. Das ist doch ein schönes Geschichtsereignis, was man seinen Enkeln bestimmt gern erzählen wird!

So, jetzt muss ich weiterarbeiten und wünsche allen ein tolles Wochenende!

Liebe Grüße,

Marie

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20. Juni 2003 um 16:57

Liebe Marité
Ich wollte es nicht so darstellen, dass es "verallgemeinert" rüber kommt. Sorry, war nicht meine Absicht. Und wenn Du die verschiedenen Antworten liest, dann denke ich stehen da positive und negative Dinge von früher wie heute, von hüben wie drüben.

Schau nur. Ich bin glücklich "frei zu sein". Aber ich bin auch auf meine Weise nicht enttäuscht im Osten aufgewachsen zu sein. Jetzt bewege ich mich frei durch ganz Deutschland und fühle mich überall "zu Hause".

Ich persönlich gehöre zu den "Gewinnern" der Wende, obwohl auch ich viel dadurch verloren hab. Aber das geht nicht jeden so. Ich weiß nicht ob Du es weißt, oder ob sich das jemand vorstellen kann, aber 99,9 % ALLER Berufstätigen Menschen hier, hatten danach ihren Arbeitsplatz verloren. Einige haben nun mehr Geld und einen besseren Job, andere weniger und sind seit 10 Jahren Arbeitslos. Wie ihre Rente mal ausfällt, kannst Du Dir sicher denken. Und davor liebe Marité, verschließe ich nicht meine Augen. Diesen Leuten brauchst Du nichts vom Wohlstand des Kapitalismus zu erzählen oder wie gut uns es nach dem Fall der Mauer jetzt geht. Sicher, sie sind jetzt auch frei, nur reicht das Geld gerade für die Straßenbahn bis zum Ortsausgang.

Wie dem auch sei, ich habe gewonnen. Meine Freiheit und auch viele Freunde. Ich will nichts zurück und ich will nicht vergessen. Gutes wie schlechtes. Letztlich blind bin ich heute auch nicht und weiß, dass alles seinen Preis hat.

Ich hatte Vorurteile. Das will ich nicht verleugnen. Sie entstanden aber aus meinen persönlichen Erfahrungen mit "Chef" Wessis. die hier erschienen und meinten mit Geld sei alles zu regeln.

Jetzt - und gerade auch hier durch die Zeit im Forum hat es sich sehr gewandelt. ich habe fast mehr "Wessis" als Freunde, als Menschen von hier. Und ich habe auch gelernt, dass es hier wie "drüben" solche und solche gibt.

Also wollte ich keine Verallgemeinerung in diesem Beitrag setzten, eher Gedanken von damals und heute. Eben wie sich alles um uns verändert, wie Menschen völlig verschieden zusammen wachsen, dass es jetzt mehr Möglichkeiten gibt seines Glückes Schmied zu sein, aber auch mehr Möglichkeiten "abzustürzen".

Die Menschen meines Alters hier im Osten oder von hier stammend haben aber nun mal ein etwas andere Art zu denken. Und viele erinnern sich auch gern zurück. Aber eher nach dem Motto "Weißt Du noch, wie das mal war?"
Die Leute saßen hier in einem Boot, man biss sich gemeinsam durch. Und das Marité gibt es nun mal jetzt nicht mehr bzw. sehr selten (um nicht wieder zu verallgemeinern)
Und ich glaube auch, dass es bei euch schon früher weit aus weniger ausgeprägt war, wie hier.

Vielleicht weißt Du nicht genau was ich meine, weil Du es von dieser Seite aus nicht kennst.
Dir fehlt das direkte Gegenstück "Erlebnis", denn vielleicht wusstet und wisst zu wenige vom Leben hier. Die Menschen interessierten sich oft mehr vor den anderen Teil Deutschlands, als es umgedreht der Fall war. Und nun ist der Osten mit samt Menschen "aufgenommen" und die Leute hier kennen nun das Gegenstück.
Diese Erfahrung umgedreht blieb auch dir erspart. Zum Glück sicher.
Und genau das ist der Grund, warum die Menschen hier oft kritischer mit "beiden" Teilen damals und dem "einen" Teil heute umgehen.

Aber sicher nicht um mit dem Finger zu zeigen oder zu verallgemeinern.

So war es wirklich auch von mir nicht gedacht.
Denn gerade ich bin ein "Freidenker". Damals wie heute und es tut mir gut.

Aber auch ich lerne noch heute. Und wie ich schon schrieb, hatte ich auch meine Vorurteile.
Nun kenne ich viele liebe Menschen vom Ex "Westen". Liebe Menschen auch wie Dich Marité (mit dem E Tüpfelchen *fg*)

Und ich freue mich das es mir überhaupt mögliche wurde "euch" kennen zu lernen.

Und wie mein Beitrag begann, so endet er hier auch jetzt.

Ich denke an die Menschen, die mit ihrem Leben zahlen müssten, damit wir heute frei sind und uns kennen lernen dürfen.

Liebe Grüße an Dich
Bye, Stromer

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20. Juni 2003 um 20:02

Leben mit offene Augen,
ist das schwerste was man tun kann. und ihr habt es glaub ich als wenige jeden Tag getan. Ich habe nie meinem Unkel verstanden der nach den krieg als e4hemaliger wiederstands mann nach indonesien ging um da zu kämpfen für sein vaterland (Nederland) gegen ein Volk das auch nur ihre freiheit wünsste. Erst als ich seine briefe lass worin er schrieb ; habe hier nix zu suchen, weswegen sind wir hier. habe ich zum teil verstehen können. Nur wenige haben den Mut und die kraft sich zu wehren aber das macht aus den anderen keine feiglinge....nur menschen die mit offene Augen leben und versuchen zu überleben.
Werde nico viel Zeit brauchen mehr zu verstehen aber danke für die hilfe bei diesem verständnis für das was so schwer zu verstehen ist wenn man halt nicht dabei war und es weiss.

lg meddy

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