Home / Forum / Gesellschaft & Leben / Gänsehaut! Sollte man gelesen haben! (Lang!)

Gänsehaut! Sollte man gelesen haben! (Lang!)

20. Juli 2007 um 1:03


Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, daß kein Gott sei
(Jean Paul)


>>>Der Text handelt von einem atheistischen Albtraum, den der Schreiber hat. Er träumt, daß er am Tag nach seinem Tod im einsamen Weltall Christus trifft. Alle aus den Gräbern gestiegenen Toten befragen Christus nach der Existenz Gottes. Christus antwortet: Ich ging durch die Welten, flog auf den Milchstrassen durch die Wüste des Himmels, schaute in den Abgrund, rief: Vater wo bist du? Aber es war kein Gott. Diese für einen Christen bedrohliche Situation wird aufgelöst durch das Erwachen des Träumenden. Er fühlt die Sonne auf seiner Haut und seine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte<<<




Wenn man in der Kindheit erzählen hört, daß die Toten um Mitternacht, wo unser Schlaf nahe bis an die Seele reicht und selber die Träume verfinstert, sich aus ihrem aufrichten, und daß sie in den Kirchen den Gottesdienst der Lebendigen nachäffen: so schaudert man der Toten wegen vor dem Tode; und wendet in der nächtlichen Einsamkeit den Blick von den langen Fenstern der stillen Kirche weg und fürchtet sich, ihrem Schillern nachzuforschen, ob es wohl vom Monde niederfalle.

Die Kindheit, und noch mehr ihre Schrecken als ihre Entzückungen, nehmen im Traume wieder Flügel und Schimmer an und spielen wie Johanniswürmchen in der kleinen Nacht der Seele. Zerdrückt uns diese flatternden Funken nicht! - Lasset uns sogar die dunkeln peinlichen Träume als hebende Halbschatten der Wirklichkeit! - Und womit will man uns die Träume ersetzen, die uns aus dem untern Getöse des Wasserfalls wegtragen in die stille Höhe der Kindheit, wo der Strom des Lebens noch in seiner kleinen Ebene schweigend und als ein Spiegel des Himmels seinen Abgründen entgegenzog? -

Ich lag einmal an einem Sommerabende vor der Sonne auf einem Berge und entschlief. Da träumte mir, ich erwachte auf dem Gottesacker. Die abrollenden Räder der Turmuhr, die eilf Uhr schlug, hatten mich erweckt. Ich suchte im ausgeleerten Nachthimmel die Sonne, weil ich glaubte, eine Sonnenfinsternis verhülle sie mit dem Mond. Alle Gräber waren aufgetan, und die eisernen Türen des Gebeinhauses gingen unter unsichtbaren Händen auf und zu. An den Mauern flogen Schatten, die niemand warf, und andere Schatten gingen aufrecht in der bloßen Luft. In den offenen Särgen schlief nichts mehr als die Kinder. Am Himmel hing in großen Falten bloß ein grauer schwüler Nebel, den ein Riesenschatte wie ein Netz immer näher, enger und heißer herein zog. Über mir hört' ich den fernen Fall der Lauwinen, unter mir den ersten Tritt eines unermeßlichen Erdbebens. Die Kirche schwankte auf und nieder von zwei unaufhörlichen Mißtönen, die in ihr miteinander kämpften und vergeblich zu einem Wohllaut zusammenfließen wollten. Zuweilen hüpfte an ihren Fenstern ein grauer Schimmer hinan, und unter dem Schimmer lief das Blei und Eisen zerschmolzen nieder. Das Netz des Nebels und die schwankende Erde rückten mich in den Tempel, vor dessen Tore in zwei Gift-Hecken zwei Basilisken funkelnd brüteten. Ich ging durch unbekannte Schatten, denen alte Jahrhunderte aufgedrückt waren. - Alle Schatten standen um den Altar, und allen zitterte und schlug statt des Herzens die Brust. Nur ein Toter, der erst in die Kirche begraben worden, lag noch auf seinen Kissen ohne eine zitternde Brust, und auf seinem lächelnden Angesicht stand ein glücklicher Traum. Aber da ein Lebendiger hineintrat, erwachte er und lächelte nicht mehr, er schlug mühsam ziehend das schwere Augenlid auf, aber innen lag kein Auge, und in der schlagenden Brust war statt des Herzens eine Wunde. Er hob die Hände empor und faltete sie zu einem Gebete; aber die Arme verlängerten sich und löseten sich ab, und die Hände fielen gefaltet hinweg. Oben am Kirchengewölbe stand das Zifferblatt der Ewigkeit, auf dem keine Zahl erschien und das sein eigner Zeiger war; nur ein schwarzer Finger zeigte darauf, und die Toten wollten die Zeit darauf sehen.

Jetzo sank eine hohe edle Gestalt mit einem unvergänglichen Schmerz aus der Höhe auf den Altar hernieder, und alle Toten riefen: Christus! ist kein Gott?

Er antwortete: Es ist keiner.

Der ganze Schatten jedes Toten erbebte, nicht bloß die Brust allein, und einer um den andern wurde durch das Zittern zertrennt.

Christus fuhr fort: Ich ging durch die Welten, ich stieg in die Sonnen und flog mit den Milchstraßen durch die Wüsten des Himmels; aber es ist kein Gott. Ich stieg herab, soweit das Sein seine Schatten wirft, und schauete in den Abgrund und rief: Vater, wo bist du? aber ich hörte nur den ewigen Sturm, den niemand regiert, und der schimmernde Regenbogen aus Wesen stand ohne eine Sonne, die ihn schuf, über dem Abgrunde und tropfte hinunter. Und als ich aufblickte zur unermeßlichen Welt nach dem göttlichen Auge, starrte sie mich mit einer leeren bodenlosen Augenhöhle an; und die Ewigkeit lag auf dem Chaos und zernagte es und wiederkäuete sich. - Schreiet fort, Mißtöne, zerschreiet die Schatten; denn Er ist nicht!

Die entfärbten Schatten zerflatterten, wie weißer Dunst, den der Frost gestaltet, im warmen Hauche zerrinnt; und alles wurde leer. Da kamen, schrecklich für das Herz, die gestorbenen Kinder, die im Gottesacker erwacht waren, in den Tempel und warfen sich vor die hohe Gestalt am Altare und sagten: Jesus! haben wir keinen Vater? - Und er antwortete mit strömenden Tränen: Wir sind alle Waisen, ich und ihr, wir sind ohne Vater.

Da kreischten die Mißtöne heftiger - die zitternden Tempelmauern rückten auseinander - und der Tempel und die Kinder sanken unter - und die ganze Erde und die Sonne sanken nach - und das ganze Weltgebäude sank mit seiner Unermeßlichkeit vor uns vorbei - und oben am Gipfel der unermeßlichen Natur stand Christus und schauete in das mit tausend Sonnen durchbrochne Weltgebäude herab, gleichsam in das in die ewige Nacht gewühlte Bergwerk, in dem die Sonnen wie Grubenlichter und die Milchstraßen wie Silberadern gehen.

Und als Christus das reibende Gedränge der Welten, den Fackeltanz der himmlischen Irrlichter und die Korallenbänke schlagender Herzen sah, und als er sah, wie eine Weltkugel um die andere ihre glimmenden Seelen auf das Totenmeer ausschüttete, wie eine Wasserkugel schwimmende Lichter auf die Wellen streuet: so hob er groß wie der höchste Endliche die Augen empor gegen das Nichts und gegen die leere Unermeßlichkeit und sagte: Starres, stummes Nichts! Kalte, ewige Notwendigkeit! Wahnsinniger Zufall! Kennt ihr das unter euch? Wann zerschlagt ihr das Gebäude und mich? - Zufall, weißt du selber, wenn du mit Orkanen durch das Sternen-Schneegestöber schreitest und eine Sonne um die andere auswehest, und wenn der funkelnde Tau der Gestirne ausblinkt, indem du vorübergehest? - Wie ist jeder so allein in der weiten Leichengruft des Alles! Ich bin nur neben mir - O Vater! o Vater! wo ist deine unendliche Brust, daß ich an ihr ruhe? - Ach wenn jedes Ich sein eigner Vater und Schöpfer ist, warum kann es nicht auch sein eigner Würgengel sein?...

Ist das neben mir noch ein Mensch? Du Armer! Euer kleines Leben ist der Seufzer der Natur oder nur sein Echo - ein Hohlspiegel wirft seine Strahlen in die Staubwolken aus Totenasche auf euere Erde hinab, und dann entsteht ihr bewölkten, wankenden Bilder. - Schaue hinunter in den Abgrund, über welchen Aschenwolken ziehen - Nebel voll Welten steigen aus dem Totenmeer, die Zukunft ist ein steigender Nebel, und die Gegenwart ist der fallende. - Erkennst du deine Erde?

Hier schauete Christus hinab, und sein Auge wurde voll Tränen, und er sagte: Ach, ich war sonst auf ihr: da war ich noch glücklich, da hatt' ich noch meinen unendlichen Vater und blickte noch froh von den Bergen in den unermeßlichen Himmel und drückte die durchstochne Brust an sein linderndes Bild und sagte noch im herben Tode: Vater, ziehe deinen Sohn aus der blutenden Hülle und heb ihn an dein Herz!... Ach ihr überglücklichen Erdenbewohner, ihr glaubt Ihn noch. Vielleicht gehet jetzt euere Sonne unter, und ihr fallet unter Blüten, Glanz und Tränen auf die Knie und hebet die seligen Hände empor und rufet unter tausend Freudentränen zum aufgeschlossenen Himmel hinauf: auch mich kennst du, Unendlicher, und alle meine Wunden, und nach dem Tode empfängst du mich und schließest sie alle.... Ihr Unglücklichen, nach dem Tode werden sie nicht geschlossen. Wenn der Jammervolle sich mit wundem Rücken in die Erde legt, um einem schönern Morgen voll Wahrheit, voll Tugend und Freude entgegenzuschlummern: so erwacht er im stürmischen Chaos, in der ewigen Mitternacht - und es kommt kein Morgen und keine heilende Hand und kein unendlicher Vater! - Sterblicher neben mir, wenn du noch lebest, so bete Ihn an: sonst hast du Ihn auf ewig verloren.

Und als ich niederfiel und ins leuchtende Weltgebäude blickte: sah ich die emporgehobenen Ringe der Riesenschlange der Ewigkeit, die sich um das Welten-All gelagert hatte - und die Ringe fielen nieder, und sie umfaßte das All doppelt - dann wand sie sich tausendfach um die Natur - und quetschte die Welten aneinander - und drückte zermalmend den unendlichen Tempel zu einer Gottesacker-Kirche zusammen - und alles wurde eng, düster, bang - und ein unermeßlich ausgedehnter Glockenhammer sollte die letzte Stunde der Zeit schlagen und das Weltgebäude zersplittern... als ich erwachte.

Meine Seele weinte vor Freude, daß sie wieder Gott anbeten konnte - und die Freude und das Weinen und der Glaube an ihn waren das Gebet. Und als ich aufstand, glimmte die Sonne tief hinter den vollen purpurnen Kornähren und warf friedlich den Widerschein ihres Abendrotes dem kleinen Monde zu, der ohne eine Aurora im Morgen aufstieg; und zwischen dem Himmel und der Erde streckte eine frohe vergängliche Welt ihre kurzen Flügel aus und lebte, wie ich, vor dem unendlichen Vater; und von der ganzen Natur um mich flossen friedliche Töne aus, wie von fernen Abendglocken.

Mehr lesen

20. Juli 2007 um 1:50

Ich hoffe
ich habe denjenigen die das lesen, nicht zu viel zugemutet.

ist vielleicht auch nur interessant wenn man literatur-begeistert ist oder ein fan der epoche romantik...

... oder eventuell ein (ehemaliger) deutsch-LKler


hab das hier gepostet, weil der text zeigt, wie wichtig der glaube für manche menschen ist und wie die eventuelle nicht-existenz gottes einen gläubigen aus der bahn werfen kann (der text ist übrigens für alle geeignet, egal welcher religion, solange sie an gott glauben)

jean paul (Johann Paul Friedrich Richter) studierte übrigens theologie und philosophie und lebte von 1763-1825

Gefällt mir

20. Juli 2007 um 1:53
In Antwort auf amy_11977978

Ich hoffe
ich habe denjenigen die das lesen, nicht zu viel zugemutet.

ist vielleicht auch nur interessant wenn man literatur-begeistert ist oder ein fan der epoche romantik...

... oder eventuell ein (ehemaliger) deutsch-LKler


hab das hier gepostet, weil der text zeigt, wie wichtig der glaube für manche menschen ist und wie die eventuelle nicht-existenz gottes einen gläubigen aus der bahn werfen kann (der text ist übrigens für alle geeignet, egal welcher religion, solange sie an gott glauben)

jean paul (Johann Paul Friedrich Richter) studierte übrigens theologie und philosophie und lebte von 1763-1825

Huhu...
da ist ja noch jemand wach! Also, ich muss sagen, der Text erinnerte mich stark an ETA Hoffmann. Vom Schreibstil als auch vom Inhalt her...
lg, Rattentante

Gefällt mir

20. Juli 2007 um 2:08
In Antwort auf rattentante

Huhu...
da ist ja noch jemand wach! Also, ich muss sagen, der Text erinnerte mich stark an ETA Hoffmann. Vom Schreibstil als auch vom Inhalt her...
lg, Rattentante

Hallöchen
ja, habe ferien... ich hab das bedürfnis mich bis spät in die nacht wachzuhalten... schließlich hab ich ja ferien, da kann ich doch nicht früh ins bett

freut mich, eine die sich auskennt. ja jetzt wo du's sagst... sind ja auch beide romantiker (die warn ja alle bisschen verrückt)

Gefällt mir

20. Juli 2007 um 9:02

Widerspruch in sich
wie kann man jesus im himmel treffen wenn es keinen gott gibt?
dann ist auch nobody im himmel, auch jesus nicht, weil er dann nicht der sohn gottes war, sondern nur ein somebody.
ergo könnte auch der schreiber nicht in den himmel kommen und da jemand treffen, weil es ja gott nicht gibt.
der autor hat mir, so scheint es, zu stark an der wasserpfeife gezogen, man kann nicht eine hypothese erläutern die kein axiom hat

Gefällt mir

Frühere Diskussionen
Diskussionen dieses Nutzers
Lust auf mehr Farbe in deinem Leben?
wallpaper

Das könnte dir auch gefallen