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Abgründe sowjetischer Propaganda, oder: die erste Horrorgeschichte

16. Oktober 2009 um 10:37

Ich habe ja mal erwähnt, dass ich im Zuge der Magisterarbeit sowjetische Schulgeschichtsbücher durchwühle. Genauer gesagt schreibe ich über das Helden- und Antiheldenbild, das in diesen entworfen wird. Nun sitze ich also in der Endphase der Materialordnung und schreibe alles Aufgefundene zusammen. Und da bemerke ich Dinge, die mir vorher, als es noch wenige getrennte Kopien unter Hunderten waren, gar nicht auffielen. Eine besonders gruselige Geschichte will ich euch hiermit mitteilen...vielleicht lenkt es auch etwas von dem wieder vorherrschenden Islamthema ab

1. Akt: Im Schulbuch von 1958 finde ich die Geschichte des Piloten Talalichin. Talalichin war (natürlich) beim Komsomol, 20 Jahre alt, und Kampfpilot im 2. WK. Er machte also seine Runden bei Moskau, und sah ein feindliches Flugzeug. Leider war ihm die Munition ausgegangen, also opferte dieser heldenhafte Mann sich, und flog dem Feind frontal rein. Dabei fingen auch "Dutzende feindliche Maschinen" Feuer... ich weiß jetzt nicht wie und welche Maschinen gemeint sind, aber steht so da. Talalichin starb als Held.

2. Akt: Im Schulbuch von 1959 finde ich erneut die Geschichte des Piloten Talalichin. Dieses Mal sieht seine Heldentat aber etwas anders aus: er trennt dem Feind das Flugzeughinterteil mit seinem Propeller ab. Es gehen dabei keine ominösen Maschinen mehr in Feuer auf, aber der Feind stirbt und Talalichin anscheinend auch. Als Held. Und jetzt wird es unheimlich.

3. Akt: In einem Schulbuch von 1964 taucht Ominöses auf. Eine Quelle, genannt "Die Erzählung des Piloten Talalichin darüber, wie er ein feindliches Flugzeug gerammt hat" ....... Mein Kinnladen war sehr weit unten, als ich das entdeckte. Und da ist also tatsächlich in Ich-Form die Erzählung des plötzlich quietschfidelen Piloten. Wir sehen hier den ersten sowjetischen Zombie!


Nun zum ernsteren Teil der Sache.

1. Ich habe hinterher etwas nachgeforscht...seine Heldentat hat Talalichin im Juni vollbracht, gestorben ist er aber offiziell erst im Oktober. Man darf also annehmen dass er diese Flugzeuggeschichte tatsächlich überlebte, aber eben nur vorerst. Den unspektakulären Tod im Oktober strich man in den Büchern wohl teilweise und machte ein einziges Ereignis daraus.

2. Talalichin war blöderweise lange nicht der Einzige, der (tatsächlich) feindliche Flugzeuge über Moskau rammte. Aber einer der Wenigen, der es (zumindest vorerst) überlebte. Die Geschichte sah nämlich so aus, dass bei Flügen in der Nacht sämtlicher Lichter der Stadt ausgemacht wurden, aus Angst vor feindlichen Angriffen. Sprich, wer dann in der Luft war und keinen Sprit mehr hatte, konnte, wenn er nicht Glück hatte und die Dämmerung erwischte, eigentlich nichts mehr tun als herunterzufallen - und dabei eben noch ein gegnerisches Flugzeug mitzunehmen. Recht traurige Heldentaten waren das also.

So. Ich hoffe das war für jemanden hier interessant

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10. Mai 2010 um 10:51

Talalichin
Ja, das war für mich sogar sehr interessant, wurde ich doch gerade noch vor Ort wieder einmal mit diesem Heldenepos konfrontiert. Ich hoffe, dass die Magisterarbeit zu einem erfolgreichen Abschluss kam, kann man sie irgendwo bekommen oder einsehen? Ich finde das Thema überaus spannend, besonders vor dem Hintergrund der gestrigen Siegesfeiern und ihrer Rezeption in der russischen Bevölkerung, vor allem der russischen Jugend.

Gruß aus Moskau!

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10. Mai 2010 um 11:21

Die Verklärung der Geschichte/Heldenpropaganda...
Ist das nicht gute alte Tradition?

Der Sturm auf die Bastille...
Christopher Kolumbus und die (Wieder)Entdeckung Amerikas...
Die Eroberung des Westens...
Die DDR Geschichte an sich...
.....

Das alles waren eher schmutzige oder brutale Episoden, welche heute häufig romantisch verklärt oder als Skurrilitäten dargestellt werden.
Geschichte scheint weit mehr vom Erzähler als von den geschichtlichen Ereignissen abzuhängen.

Heldenpropaganda wird natürlich in Regimen aller Art sehr gern benutzt. In abgeschwächter Form und zur Stärkung der Moral aber eigentlich überall eingesetzt.

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15. Mai 2010 um 8:54

Technische Voraussetzung
für die erwähnten Heldentaten war ein Flugzeug namens Poliparkow Ratak oder Rak 5. Es war sehr stabil gebaut, sodass es geschickten Piloten damit tatsächlich gelang, mit dem eigenen Propeller das Leitwerk eines gegnerischen Flugzeugs "abzufräsen".

Was die Propaganda dann daraus gemacht hat, weiß ich nicht, ist aber egal, da die Propaganda auf ihre Weise praktisch immer lügt.

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